Tanztheater Pina Bausch: Momente des Abschieds

Tanztheater Pina Bausch : Momente des Abschieds

An vier Abenden ist im Wuppertaler Opernhaus "1980" von Pina Bausch zu sehen.

"Dieses Stück Rasen ist elf Küsse breit." Ditta Miranda Jasjfi vermisst die Welt in der wundersamen Art, wie sie wohl nur bei Pina Bausch erfahrbar wurde. Es bleibt freilich ein einsames Küssen, ohne Partner, in diesem Stück voller Abschied. Zweimal steht Nayoung Kim allein dem Ensemble gegenüber; beim ersten Mal sagt jeder eine Floskel zur Verabschiedung, meist nicht mehr als Worthülsen, nur einmal durch eine ebenso zärtliche wie hilflose Berührung ersetzt, einmal durch eine heftige Umarmung, bis die Tänzerin allein zurück bleibt.

Beim zweiten Mal, dem Schlussbild, verharren alle unbeweglich, als müsse eine neue Form des Abschieds gefunden werden, bis das Licht langsam verlischt und nichts bleibt außer der Musik, einem altenglischen Lied, das zwischen Dur und Moll hin- und her pendelt und offenlässt, wie es mit uns und mit dem Tanz weitergehen kann.

"1980" entstand im Frühjahr 1980 kurz nach dem Tod von Rolf Borzik, dem kongenialen Bühnenbildner und Lebensgefährten Pina Bauschs. Es steckt, so scheint es, eine ganze Menge Trauerarbeit darin. Über dem eindreiviertel Stunden langen erste Teil, weitgehend im Dämmerlicht getanzt und gespielt, liegt ziemlich viel Melancholie. Immer wieder erklingt Beethoven, der choralartig beginnende langsame Satz aus der fünften Sonate für Cello und KlavierJulie Shanahan singt mangels Gesellschaft ein Geburtstagsständchen für sich selbst: "Happy Birthday to me".

Es gibt zwar, ziemlich früh schon, eine dieser großen, für die Bausch-Choreographien dieser Zeit so prägenden Ensemblenummern, durch den Zuschauerraum (Reihe 5 wird extra freigehalten), manchmal finden sich auch Paare zusammen, aber das bleibt episodisch. Die Sehnsucht nach der Kindheit wird zum bestimmenden Motiv. Brahms‘ Schlaflied "Guten Abend, gut‘ Nacht" erklingt in zwei vor Kitsch nur so triefenden Einspielungen. Ein Zauberer führt Kunststücke vor. Es gibt Kinderspiele, man stimmt wie beiläufig einen Schlager an: "Jeden Tag schwimmt das Glück übern Ozean, / und die Liebe, die fährt mit da an Bord." Man mag nicht an dieses Glück glauben.

Der dynamischere zweite Teil wirkt wie der Versuch, den Stillstand zu überwinden. "Darf ich bitte etwas Bein sehen?" Es ist eines der prägenden Bilder des Wuppertaler Tanztheaters geworden, wie das Ensemble mit hochgezogenen Kleidern oder Hosenbeinen brav aufgereiht in einer Linie steht. Es steckt gleichwohl eine Menge Brutalität in der Ambivalenz, etwas vorführen zu wollen und gleichzeitig vorgeführt zu werden. "Wovor hast Du Angst?" herrscht Scott Jennings später jede(n) seiner Mittänzer(innen) über Lautsprecher an, begleitet von sarkastischen Kommentaren.

"1980" war und ist auch eine Selbstbefragung des Ensembles. Es gibt nach der Pause auch zunehmend komische Momente, die für einen Augenblick (aber nicht dauerhaft) Befreiung schaffen. Irgendwie muss dieses Leben halt weitergehen. Ein Reh schaut dem Treiben dieser so hilflos in die Welt geworfenen Menschen irritiert zu.

Peter Pabst, der von "1980" an die Bühnenräume für Pina Bausch entwarf, hat bis weit nach hinten an die Brandmauerechten Rollrasen auslegen lassen, und da steht nun dieses Reh, vielleicht eine Reminiszenz an Rolf Borzik, der zuvor in "Arien" das legendäre Flusspferd, in "Keuschheitslegende" eine Armada von Krokodilen erschaffen hatte.

Gleich zweimal hört man Judy Garland mit "Somewhere over the Rainbow", in einer frühen und einer späten Aufnahme, in der die Stimme brüchig geworden ist. Neben dem Abschiednehmen ist die Frage des Alterns, als Spiegelbild der Sehnsucht nach der Kindheit, ist ein Thema von "1980", und das wird in der aktuellen Besetzung dieser Wiederaufnahme überdeutlich. Barbara Kaufmann, Nazareth Panadero (die hat tatsächlich schon in der Uraufführung vor 38 Jahren getanzt), Héléna Pikon, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak — die "grandes dames" des Wuppertaler Tanztheaters, sind allesamt herausragende Tänzerpersönlichkeiten, und nicht zuletzt weil "1980" technisch nicht allzu fordernd ist, bewältigen sie die Choreographie mühelos. Aber ihnen fehlt der Gegenpol, eben die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die mit Macht nachdrängen.

In der hier besprochenen Vorstellung sind es Ophelia Young und Stephanie Troyak, die für die ganz junge Generation stehen, beide nicht in tragenden Rollen. So scheint gerade im ersten Teil das ganze Gewicht der Aufführung vor allem auf Julie Shanahan zu lasten, die hier die Anführerin und schrille Diva gibt, was sie ganz großartig macht und man um keinen Preis missen möchte — aber wer fordert sie auf der Bühne heraus?

In Ansätzen Silja Bächli, die den Part von Mechthild Großmann ziemlich souverän übernommen hat, deren abgründige Jahrhundertstimme sie natürlich nicht einbringen kann, wohl aber das freche, gekünstelt vulgäre Selbstbewusstsein, ohne ihre Vorgängerin einfach zu kopieren. Ebenfalls hat sich Scott Jennings die kühle Eleganz, mit der einst Lutz Förster herumkommandierte, überzeugend angeeignet. Da sind wichtige Schritte getan.

Die bewegende, trotz ihrer Länge von mehr als dreieinhalb Stunden fesselnde und umjubelte Aufführung zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass alsbald eine junge — und selbstbewusste — Generation die tragenden Rollen einfordert, bevor das Wuppertaler Tanztheater Museum seiner selbst wird.

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