Dass diese Erfahrung nicht nur für die Werke selbst gilt, zeigte auch die offizielle Eröffnung am vergangenen Mittwochabend: Rund 300 Gäste füllten die Glashalle und machten sie für einen Abend zu einem lebendigen Begegnungsraum.
Die 150. Ausstellung der Reihe „Kunst in der Sparkasse“ bringt Skulpturen von Felix Baltzer und großformatige Gemälde von Volker Wevers zusammen – zwei künstlerische Positionen, die sich auf den ersten Blick widersprechen und gerade dadurch miteinander ins Gespräch treten.
Baltzers Arbeiten entstehen Schicht für Schicht. Für seine großformatigen Skulpturen sägt er einzelne Platten von Hand und setzt sie zu komplexen Körpern zusammen. Mehrere der gezeigten Werke hat er eigens für die Ausstellung entwickelt, rund ein Jahr lang hat er darauf hingearbeitet. Das Ergebnis wirkt je nach Perspektive völlig unterschiedlich: Eine Skulptur erscheint zunächst massiv, löst sich beim Umrunden in einer anderen Perspektive aber dann plötzlich beinahe in Transparenz auf. Eine andere offenbart erst von oben betrachtet den Umriss eines liegenden Paares.
„Die Herausforderung gehört dazu“, sagt Baltzer. Entscheidend sei für ihn nicht das fertige Werk, sondern die Frage nach dem eigenen Antrieb: Warum mache ich das? Diese Suche zeigt sich auch in seinen filigranen Bronzen. Gegossene Magnolienäste und eine Distel – gefunden an einem Badesee – wirken wie konservierte Naturfragmente. Daneben steht ein massiver Baumstamm, dessen windende Form den Künstler an die antike Laokoon-Gruppe erinnert. Zwischen Zerbrechlichkeit und Kraft entsteht so ein Spannungsfeld, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht.
Auch Baltzers Cyanotypien – frühe fotografische Arbeiten auf Basis von Licht – bewegen sich zwischen Sichtbarkeit und Auflösung. Ihre abstrakten Strukturen erinnern an Wasserbewegungen oder ferne Galaxien und entziehen sich einer festen räumlichen Zuordnung.
Während Baltzer den Raum physisch formt, öffnet Volker Wevers ihn in seinen Bildern nach innen. Seine großformatigen Gemälde wirken wie dynamische Farbräume, in denen sich Wahrnehmung ständig verschiebt. Ausgangspunkt sind oft reale Motive, Fotografien etwa, die im Malprozess zunehmend aufgelöst werden. Übrig bleibt ein Zusammenspiel aus Farbe, Licht und Bewegung, das eher empfunden als eindeutig gelesen werden kann. „Man schaut immer in einen Raum hinein“, beschreibt Wevers seine Arbeiten.
Die Ausstellung wurde für ihn selbst zum Experiment: Um zu entscheiden, wie er seine Bilder in der Ausstellung positionieren sollte, simulierte er die Glashalle digital. Er verschob seine Werke virtuell, bis sich eine stimmige Gesamtwirkung ergab. „In erster Linie ist die Ausstellung für mich“, sagt er. „Es ist spannend, die eigenen Bilder in einem völlig neuen Kontext zu sehen. Bei mir im Atelier habe ich kaum Platz, sie so nebeneinander zu platzieren. Das wirkt hier ganz anders.“
Auffällig ist, dass die Titel der Werke bewusst nicht auf Infotäfelchen stehen. Eine Beschriftung würde die Wahrnehmung eher lenken als öffnen, so der Künstler. Die Titel, die seine Werke intern tragen, sind bewusst frei assoziiert und transponieren eher Stimmungen als konkrete Inhalte.
Im Gespräch mit der Rundschau nennt er allerdings einige Titel seiner Werke: Ein besonders farbintensives Werk heißt „A car in Venice“, inspiriert vom Animationsfilm „Cars“ und einem venezianischen Fabergé-Ei, deren Farbwelten sich im Bild zu etwas völlig Neuem verdichten. Ein anderes nennt er augenzwinkernd „Serial killer“, weil die visuelle Dichte den Betrachter förmlich „erschlägt“.
Dass die Arbeiten von Baltzer und Wevers trotz ihrer Unterschiede miteinander funktionieren, ist kein Zufall. „Wir hatten das Gefühl, dass die beiden einfach zusammenpassen“, sagt Kunstberater Peter Klassen. Er kuratiert die Reihe seit rund 15 Jahren und sieht gerade in solchen Kombinationen den Reiz: Unterschiedliche künstlerische Positionen treten in den Dialog und eröffnen neue Perspektiven. Während Baltzer mit Material, Körper und Raum arbeitet, erzeugt Wevers in der Fläche eine ähnliche räumliche Tiefe – nur auf andere Weise.
Auch bei der feierlichen Eröffnung wurde dieser Dialog sichtbar: In einer von Thomas Mau moderierten Gesprächsrunde tauschten sich neben den beiden Künstlern unter anderem Autor Max Christian Graeff, der den Ausstellungskatalog mit seinen Texten geprägt hat, sowie das Amsterdamer Performance-Duo Guda Koster und Frans van Tartwijk über kreatives Schaffen aus.
Zwischen den Gesprächen bewegten sich immer wieder die Figuren von Guda Koster durch die Menge – stille, ungewöhnliche Erscheinungen, die die Künstlerin selbst als „lebende Skulpturen“ bezeichnet. Sie mischten sich unter die Gäste, irritierten, amüsierten und sorgten für unerwartete Momente mitten im Ausstellungsgeschehen. Die Glashalle wurde dabei nicht nur Ausstellungsraum, sondern Bühne für Austausch und Begegnung.
Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Axel Jütz betonte die lange Tradition der Reihe: Seit fast sechs Jahrzehnten biete „Kunst in der Sparkasse“ regionalen Künstlern eine Plattform und ermögliche zugleich einen niedrigschwelligen Zugang zur Kunst in der Stadt. Für viele Gäste gehöre die Ausstellungseröffnung längst fest zum kulturellen Leben Wuppertals. Wer sich darauf einlässt, wird schnell merken: Diese Kunst erklärt sich nicht sofort. Sie verändert sich mit jedem Schritt – und manchmal reicht schon ein anderer Blickwinkel, um etwas völlig Neues zu sehen.