Kommentar zur ersten Wuppertaler Kulturtrasse: Viel zu erleben, viel zu verpassen

Kommentar zur ersten Wuppertaler Kulturtrasse : Viel zu erleben, viel zu verpassen

"Mensch, da hast Du aber was verpasst!" Während und nach der Kulturtrasse hörte man ihn unentwegt, diesen Satz.

Man sagte ihn zu denen, die gerade nicht dabei waren, als das Royal Street Orchestra gemeinsam mit der Kammerphilharmonie ein furioses Konzert in der Immanuelskirche hingelegt hatte. Man bekam ihn selbst zu hören, weil man stattdessen den Club des Belugas mit Brenda Boykin und Anna Luca auf der Open-Air-Bühne vor Utopiastadt versäumt hatte. Und man dachte ihn erneut, wenn Dritte von dem Horrorfilmfest unter der Autobahnbrücke schwärmten.

Das ist in erster Line mal sehr positiv zu bewerten. Denn es spricht für die große Qualität der zahlreichen Veranstaltungen, die die Kulturtrasse zu bieten hatte — ebenso wie für die Kulturszene in unserer Stadt generell, von der immer noch gern behauptet wird, es gäbe sie gar nicht. Am vergangenen Samstag konnte jeder sehen: Bäm! In Wuppertal passiert ganz schön viel. Großes wie Kleines. In der etablierten und in der freien Szene. Dass dies einmal so sichtbar wird, ist ein Riesenerfolg.
Dazu haben auch die "Platzhirsche" wie die Wuppertaler Bühnen und das Tanztheater Pina Bausch beigetragen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Und sie haben ihre Chance genutzt. Dass sich die Tänzer des legendären Wuppertaler Tanztheaters eine halbe Stunde lang auf der grünen Wiese vor Wicked Woods bei den Proben zusehen lassen, das hat es in der über 40-jährigen Geschichte des Ensembles nicht gegeben. Es lässt sich als klares Bekenntnis der neuen Leiterin Adolphe Binder zur Heimatstadt der Compagnie deuten. Als "Wir sind ein Teil dieser Stadt und reihen uns ganz unprätentiös ein in die lange Veranstaltungsliste. Wir öffnen uns."

Genau diese Öffnung haben auch Oper, Schauspiel und Sinfonieorchester demonstriert, indem sie ihr Theaterfest weg von ihrer Kulturinsel hin zu den Menschen auf die Trasse verlegt und mit dem mitreißenden Galakonzert (so hat man es mir erzählt, ich selbst war leider nicht dabei. Sie wissen schon: "Da hast Du was verpasst!") die allerbeste Werbung für sich gemacht haben. Neue Fans garantiert.

Überraschend gut wurden auch die eher kleineren Veranstaltungen angenommen, von denen man vorher fürchtete, sie würden im Schatten der großen Magneten stehen. Doch auch sie fanden ihre Besucher.
Allein: Man war von dem riesigen Angebot — mehr als 85 Veranstaltungen in drei Quartieren auf mehr als 14 Kilometern — überfordert. Die einen waren ehrgeizig, radelten von Vohwinkel bis Wichlinghausen und bekamen einen guten Überblick für die Stimmung und das Ausmaß des Festivals. Sie klagten jedoch, dass sie kaum ein Konzert, eine Lesung oder Performance wirklich lange erlebt haben. Die anderen kapitulierten und verließen ihren Standort nicht mehr, genossen, was sich etwa auf der Open-Air-Bühne bot und bedauerten, dass sie jenseits der Mirke nichts vom Festival gesehen haben. Ich zum Beispiel habe mich zwischen Wicked Woods und der Immanuelskirche hin und her bewegt. Als ich spät abends Utopiastadt erreichte, hinterließ der letzte Song des Club des Belugas bei mir das vertraute Gefühl: "Mensch, da hast Du aber was verpasst ..."

Und da liegt der einzige Kritikpunkt oder sagen wir die Anregung für eine Fortsetzung einer solchen Kulturtrasse, wie sie ja in der Strategie "Wuppertal 2025" als regelmäßige Veranstaltung aufgeführt ist (Oberbürgermeister Andreas Mucke sprach sich schon für eine Wiederholung alle zwei Jahre aus): Mit dem Programm hätte man locker zwei oder drei Tage bestreiten können. Warum also so ein Festival nicht zeitlich auf ein Wochenende ausdehnen, aber räumlich etwas näher zusammenrücken? So ließe sich die Stärke der Wuppertaler Kultur demonstrieren, der Festival-Charakter intensivieren. Und man würde viel weniger verpassen ...

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