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Kommentar: Ein peinlicher Sturm im Wasserglas

Kommentar : Ein peinlicher Sturm im Wasserglas

Wo eigentlich die (Fehl-)Information hergekommen ist, dass unmittelbar gegenüber dem Schauspielhaus – sprich dem zukünftigen Pina-Bausch-Zentrum – angeblich eine neue Filiale von Aldi entstehen soll, frage ich mich bis heute.

Und die, die daraufhin in kollektive und laut tönende Alarmrufe ausgebrochen sind, sollten sich das auch fragen. Kulturausschuss-Chef Rolf Köster forderte ja gar eine gemeinsame „Anti-Aldi-Allparteien-Resolution“ des gesamten Kulturausschusses. Außerdem sollten sie sich fragen, was es für eine Wirkung hat, wenn sich Kulturliebhaber darüber erregen, dass eine in Zukunft hoffentlich national und international wichtige Kulturstätte sozusagen „Kontakt mit dem wirklichen Leben“ hat ...

Zur Klarstellung: Der Discounter Aldi plant eine neue Filiale schräg gegenüber dem Schauspielhaus in östlicher Richtung – in der Nähe der Gerichtsinsel, quasi neben dem dortigen B&B-Hotel. Die Filiale wird allerdings von einer multifunktionellen Bürogebäude-Nutzung umgeben sein und zusätzlich durch ein Parkhaus ergänzt werden. Ein Parkhaus, über das sich die Besucher des Pina-Bausch-Zentrums eine Tages durchaus sehr freuen werden – könnte ich mir vorstellen.

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Außerdem: Auf der beschriebenen Fläche, die man übrigens vom Schauspielhaus aus quasi nur sehen kann, wenn man den Hals reckt oder weit auf den Platz (warum heißt der eigentlich immer noch nicht Pina-Bausch-Platz?) hinaustritt, gibt es Baurecht. Und das ist kein Wunschkonzert. Der städtische Gestaltungsbeirat, in dem unabhängige Architekturexperten sitzen, die nicht mit Wuppertal „verbandelt“ sind, hatte das Ganze bereits auf dem Tisch.

All diese oben geschilderten Fakten haben eine ganze Menge Leute, die in der Wuppertaler Kommunalpolitik aktiv sind, offenbar gar nicht gekannt. Wie kann das eigentlich sein? Ergebnis: Ein – wie ich finde – höchst peinlicher Sturm im Wasserglas. Die Formulierung von Heiner Fragemann, dem SPD-Sprecher im Kulturausschuss, der den Vorgang mit Blick auf die oben beschriebene Resolutionsforderung „eine gewisse Überreaktion“ nannte, ist sehr dezent gewählt.

Und überhaupt mal ganz grundsätzlich: Ist Aldi „bäh“? Wohl kaum! Die Lebens- und Einkaufswirklichkeit einer riesigen Anzahl von Menschen spricht eine komplett andere Sprache. Hat Pina Bausch nie bei Aldi gekauft? Ich weiß das nicht – aber es wäre höchst unwahrscheinlich.

Die Wasserglas-Windmacher können froh sein, wenn ihr Aufstand den Abstand zwischen denen, die im Pina-Bausch-Zentrum nur einen immens teuren Hochkulturtempel für eine ausgewählte Elite sehen, und denen, für die das Projekt eine großartige Chance für Stadt und Stadtgesellschaft ist, nicht noch mehr vertieft. Wichtig ist deswegen kein Sich-über-Aldi-Aufgerege, sondern es geht um drei ganz andere Aspekte.

Erstens: Was passiert inhaltlich im Pina-Bausch-Zentrum – außer natürlich Tanzaufführungen? Am Montag wird die Stadtspitze die Fraktionsvorsitzenden der Wuppertaler Parteien darüber informieren, was in dieser Hinsicht bei den Gesprächen mit dem Land, das 50-Prozent-Partner des Zentrums werden soll, herausgekommen ist. Spannend dabei vor allem eine Frage: Gelingt es, das Zentrum für die Menschen in Wuppertal so zu öffnen, dass der „Elite“-Vorwurf hinfällig wird?

Zweitens: Was wird wirklich direkt (!) gegenüber dem Schauspielhaus gebaut, wenn die AOK aus ihrem dortigen Gebäudekomplex Richtung Innenstadt gezogen ist? Das aktuelle AOK-Gebäude hatte übrigens nie einen Schönheitspreis verdient, aufgeregt hat sich deswegen aber keiner.

Drittens: Was werden sich die Stadt und ihre Partner an öffentlichkeitswirksamer und weit sichtbarer Aktion einfallen lassen, um für die Menschen Wuppertals im Lauf der kommenden Jahre die positive Botschaft lebendig zu halten, dass das Pina-Bausch-Zentrum Stück für Stück wächst und wächst?

Mit Stürmen im Wasserglas ist da niemandem gedient.