Rundschau-Serie „Auf ein Bier“: „Seelsorger“ hinter der Theke

Rundschau-Serie „Auf ein Bier“ : „Seelsorger“ hinter der Theke

Am beruflichen Wendepunkt wurde Reinhold Freiheit Wirt und der „Thüringer Hof“ zum Glücksfall für ihn. Seit 15 Jahren führt er die Kneipe in Ronsdorf als Treffpunkt für jedermann.

1958 öffneten sich die Türen zur Kneipe an der Lüttringhauser Straße 33 zum ersten Mal. Und so gemütlich-rustikal wie einst die Einrichtung heute noch ist, so kurios ist die Geschichte, wie Reinhold Freiheit vor 15 Jahren zum Wirt wurde. „Als ich dort zufällig vorbeiging, fragte mich Marianne Crisand, deren Kinder das Lokal nicht weiter betreiben wollten, ob ich nicht nicht Lust hätte, das Ruder hier zu übernehmen. So etwas wäre mir eigentlich nie in den Sinn gekommen. Da aber zu dieser Zeit mein Arbeitsplatz verlegt werden sollte und mir das überhaupt nicht passte, habe ich spontan ja gesagt“, erinnert sich der gelernte Maschinenbauer.

Bereut hat er diese Entscheidung nie. Ganz im Gegenteil. Den „Thüringer Hof“ zum beruflichen Mittelpunkt zu machen, war für ihn ein Glücksfall: „Hier erfährst du die Höhen und Tiefen der Gäste, stehst quasi als Wirt wie als ’Seelsorger’ mitten im Leben, das gefällt mir“, sagt er lächelnd. Erlebt hat er da einiges. „Hier lernte sich vor Jahren ein Paar kennen. Nach der Heirat zogen sie weg. Auf einmal war der Mann wieder da. Allein und geschieden. Monate später tauchte auch die Frau hier auf. Sie haben erneut geheiratet.“

Es ist nur eine von vielen Anekdoten aus dem großen Kreis seiner Gäste. „Von 18 bis 80 Jahren ist alles vertreten. Hier verstehen sich Geschlechter, Generationen und Nationen, ohne dass es jemals großen Ärger gegeben hat. Ja, einmal in all den Jahren tauchte eine Gruppe von Kerlen auf, die nicht das beste Benehmen an den Tag legten. Aber denen habe ich dann sehr eindrücklich nahegelegt, die Tür von außen zuzumachen, und damit war der Fall erledigt.“

Schlimmer war die Episode 2008, als auf einer Anhöhe in unmittelbarer Nähe ein Discounter gebaut wurde und ein Starkregen Teile des nicht befestigten Geländes in den Keller der Kneipe spülte. „Da stand der Schlamm bis zu einem Meter hoch. Den Raum wieder trockenzulegen, das war echte Maloche“, berichtet Reinhold Freiheit.

Den Spaß als Inhaber hat das nicht gemindert: „Ich mag meine Gäste. Viele aus dem Quartier, aber auch aus anderen Stadtteilen, kommen regelmäßig, darunter lokale Fußballgrößen wie Dieter Lemke oder Wolfgang Scholz, manche sind gar um einiges älter als der Laden hier. Insgesamt sind wir wie eine große Familie, die hier ein temporäres Zuhause hat.“

Froh ist er auch darüber, Marianne Crisand seinerzeit „mit übernommen“ zu haben: „Wir haben ja täglich geöffnet. Ohne ihre Mithilfe wäre das gar nicht möglich. Außerdem ist sie die gute Seele des Hauses, die in den Stunden ihres Einsatzes mit offenem Ohr und guten Tipps schon so manches private Problem zu lösen wusste und weiß“, so der Wirt augenzwinkernd. Dass sich die Gäste bei sechs angebotenen Biersorten plus Alt, Spirituosen und kleinen Snacks wohl fühlen, dafür spricht, dass die Kneipe nach wie vor ein beliebter Treffpunkt mit reger Nachfrage ist.

„Ob zum Reden, Abschalten, ob zum Fußballschauen oder um Freunde, Bekannte und Nachbarn zu treffen, hier ist jeder willkommen und kann nach seiner Façon die Zeit genießen“, bringt es Reinhold Freiheit auf jenen Nenner, der den „Thüringer Hof“ in seinen Augen und wohl auch in den Augen der Gäste auszeichnet.

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