Auf ein Bier im "Vertellchen" in Wuppertal am Kipdorf

Auf ein Bier im „Vertellchen“ : „Wir sind die Mio und die Dagmar“

Ein kurzer Rock und hohe Stiefel waren jahrelang ihr Markenzeichen. Den Rock hat sie mittlerweile gegen Hosen eingetauscht, die Stiefel trägt sie immer noch. Seit 15 Jahren regiert Dagmar Becker über das „Vertellchen“ am Kipdorf. Am 28. September feiert die Kneipe Jubiläum - mit „Alles am Hahn für 1 Euro“.

Sieben Wuppertaler Kneipen und Gastronomien hat sie im Laufe ihres Lebens geführt, darunter den „Alten Kaiser“ in Vohwinkel und das „Hotel Kiesbergstube“. „Damals waren wir aber auch Schlank wie Tannen, weil wir nur gearbeitet haben“, sagt Dagmar Becker und schüttelt lachend ihre blonde Löwenmähne. Geblieben ist ihr jetzt, mit knapp 70 Jahren, noch das „Vertellchen“ am Kipdorf 28, ihre allerletzte Kneipe, ihr großer Schatz.

Von der Tiffany-Lampe über der Theke bis zur Bar mit doppeltem Tritt („damit die Füße nicht baumeln“) hat sie alles selbst erdacht. „Inneneinrichtung ist mein Hobby, früher hatte ich ein bisschen was mit Antiquitäten zu tun“, erzählt sie, während sie durchs „Vertellchen“ schreitet und zu jedem Bild an der Wand eine Geschichte erzählt.

Vier Wuppertaler Originale, gezeichnet von Klaus Burandt, zieren die Hauswand über dem Kneipen-Eingang. Foto: Wuppertaler Rundschau

Selbst das stille Örtchen im Untergeschoss trägt eine von Dagmar Beckers Anekdoten mit sich. Die Toiletten-Tür zum Damen-WC, ganz aus hellen Wurzelholz, hat sie aus dem „Alten Kaiser“ in Vohwinkel mitgebracht. „Denn die neuen Besitzer wollten die nicht mehr.“

Vor 16 Jahren kauften sie und ihr Mann das „Vertellchen“ (ehemals „Postwagen“), von Vorbesitzer Dieter Schmitz. „Bis zu seinem letzten Tag kam Dieter vorbei und saß dort in der Ecke“, erinnert sich Becker. Verewigt hat sie ihn mit einem Foto an der Wand.

Ein Jahr lang baute das Gastronomen-Paar die Kneipe um, vergrößerte sie um das Doppelte und installierte die riesige Theken-Lampe aus Tiffany-Glas, für die sich Dagmar Becker mehr als einmal ein „Du bist doch verrückt!“ anhören musste - aber das war ihr egal. Das „Vertellchen“ ist ihr Meisterwerk. Und der Architekt? Der musste nach ihrer Pfeife tanzen.

Das Gemälde (der „Alte Kaiser“ in Vohwinkel) hat Dagmar Becker selbst gezeichnet. Es hängt gegenüber der Theke an der Wand. Foto: Wuppertaler Rundschau

Das große Gemälde an der Wand gegenüber der Theke hat die Gastronomin selbst gezeichnet. „Ich male ein bisschen“, winkt sie ab und weiß, dass das untertrieben ist. Im „Alten Kaiser“ hat sie mit Tier-Zeichnungen die Wände verziert, in ihrer Barmer Kneipe „Im Himmel“ die Decke mit Heiligen und Wolken. Ein guter Freund von ihr ist der Wuppertaler Künstler Klaus Burandt, der Dagmar Becker vier Wuppertaler Originale an die Hauswand über den Vertellchen-Eingang gezeichnet hat.

„Burandt sagte zu mir ’Dagmar, das kannst du doch selbst’, aber ich kann da nicht so in die Höhe aufs Gerüst“, erzählt Becker. Ihre blau umrandeten Augen blitzen. Auf ihre vier Wuppertaler Originale (Husch-Husch, Minna, der Zuckerfritze und beim Vierten fällt ihr der Name nicht ein) ist sie ziemlich stolz. „Die Leute kommen extra her, um ein Foto zu machen.“ Aber auch um mit Dagmar Becker ein bisschen zu „vertellen“. Denn: „Ein bunter Hund ist nicht so bekannt wie ich“, erklärt sie verschmitzt lachend.

Genauso stolz wie auf ihre Burandt-Originale und die Einrichtung ihrer Kneipe ist Becker auf ihre Freundin Mio Gerlach (das stille Gegenstück zur quirligen Wirtin), die täglich an ihrer Seite im „Vertellchen“ steht. „Wir sind die Mio und die Dagmar“, sagt Becker, seit 40 Jahren befreundet, seit 40 Jahren gemeinsam hinter der Theke am Zapfhahn - und das soll auch lange noch so bleiben.

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