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Wuppertal: Erinnerung an "Taximord" vor 30 Jahren

Gedenken an „Taximord“ vor 30 Jahren : „Da war mir klar, das ist Dagmar“

Raubmord vor 30 Jahren an einer jungen Wuppertaler Taxifahrerin: Wo ein von der Künstlerin Ulle Hees gestalteter großer Stein an die Tat erinnert, findet am Sonntag (23. Oktober 2022) eine Gedenkveranstaltung von Freunden und Kollegen statt.

Sie waren eine Clique: Zehn Taxifahrer und Taxifahrerinnen, die nach Ende der Schicht oft gemeinsam etwas unternahmen. Bis zum Samstag, 24. Oktober 1992. An diesem Tag wurde ihre erst 33-jährige Kollegin Dagmar Ern ermordet – und dadurch geriet auch das Leben von Michael Brosewski aus den Fugen.

Im Gespräch mit der Rundschau blickt er, gemeinsam mit Ute Nellen-Chini, zurück auf das schreckliche Ereignis: „Dagmar und ich haben uns 1985 kennengelernt, verliebt und ab 1987 in der Sattlerstraße auf dem Ölberg gewohnt. Es war eine schöne und unbeschwerte Zeit voller Zukunftspläne. An besagtem Samstag haben sich ein paar von uns um 20 Uhr zum Kochen verabredet. Als Dagmar auch Stunden später noch nicht da war, wurden wir unruhig.“

Brosewski weiter: „Ich habe dann eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben und die unruhigste Nacht meines Lebens verbracht. Als morgens gegen 7:30 Uhr ein Kommissar anrief und mitteilte, dass in der Nähe der Müngstener Brücke eine weibliche Leiche gefunden wurde, war mir klar, das ist Dagmar.“

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Tage später werden die Täter, ein 22-jähriger Deutscher und ein 17-jähriger Türke, verhaftet: Sie hatten einer Freundin von der Tat erzählt – und die war so schockiert, dass sie die Polizei informierte.

Laut Polizeibericht stiegen beide Täter vermutlich nach 18 Uhr in Dagmar Erns Taxi und ließen sich zur damaligen Discothek „Exit“ an der Müngstener Brücke fahren. Dort fügten sie der Frau Schlag- und Stichverletzungen zu, ertränkten sie anschließend in der Wupper – und fuhren mit einer Beute von etwa 70 Mark mit dem Bus zurück nach Wuppertal. Lebenslänglich für den Älteren und zehn Jahre Haft für den Jüngeren lauten die Urteile des Wuppertaler Gerichts für den Mord.

„Die Tat hat mich aus der Bahn geworfen. Ich konnte keine Droschke mehr fahren und habe Monate gebraucht, um ansatzweise zurück in die Spur zu finden. Ohne die Hilfe meiner Freunde und Taxi-Kollegen hätte ich es nicht geschafft“, berichtet Michael Brosewski sichtlich aufgewühlt.

Ute Nellen-Chini, auch sie hat aufgrund des Vorfalles den Job aufgeben müssen, ergänzt: „Wir haben uns damals gegenseitig gestützt und geholfen. Dieser Zusammenhalt hat uns Kraft gegeben, mit dem schrecklichen wie sinnlosen Raubmord, der uns heute noch emotional begleitet, leben zu können.“

1993 hat die Wuppertaler Künstlerin Ulle Hees, die 2012 gestorben ist, einen Gedenkstein für Dagmar Ern entworfen. Ein Findling mit einer Tafel, auf der ein Gedicht von Erich Fried zu lesen ist: „Erinnern / das ist / vielleicht / die qualvollste Art /des Vergessens / und / vielleicht / die freundlichste Art / der Linderung / dieser Qual“.

Am Sonntag (23. Oktober 2022) treffen sich Michael Brosewski, Ute Nellen-Chini und weitere ehemalige Kollegen, Freunde und Bekannte von Dagmar Ern gegen 15 Uhr dort am Tatort, an der Stelle, die etwa 120 Meter wupperseitig vor dem Gebäude der „Lebenshilfe“ liegt, um der Ermordeten sowie aller Frauen, die Opfer männlicher Gewalt wurden, zu gedenken.

Michael Brosewski blickt zum Schluss des Gespräches mit der Rundschau auf den Sonntag: „Wer mit uns den Schmerz über solch menschenverachtende Taten teilen möchte, ist herzlich willkommen.“