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Horst Stern: Der wütende Verteidiger der Natur​

Bergische Uni : Horst Stern: Der wütende Verteidiger der Natur

Professorin Dr. Gela Preisfeld von der Bergischen Uni in Wuppertal zum 100. Geburtstag von Horst Stern.

Der Wissenschaftsjournalist, Filmemacher und Schriftsteller Horst Stern wäre am 22. Oktober 100 Jahre alt geworden. Wer war dieser Mann?

Preisfeld: „Ein unbequemer Mann, glaube ich, das muss man als erstes sagen. Er war eigentlich kein gelernter Journalist oder Redakteur, sondern Bankkaufmann, ist dann aber zum Journalismus gekommen. Er war Kriegsreporter, ist dann irgendwann zum Radioreporter für Tiersendungen geworden und hat sich bis zum Filmemacher weiterentwickelt.

Was ihn auszeichnet, ist eine ganz große Berührtheit durch die Natur. Diese Berührtheit und Schutzlosigkeit der Tiere und der Natur haben in ihm dieses besondere Gemisch entstehen lassen, dass ihn zu einem eigentlich recht wütenden Verteidiger der Natur machte. Ich erinnere mich sehr genau an seine teils schockierenden Filme.“

Woher kam sein Interesse an der Tierwelt?

Preisfeld: „Ganz konkret weiß ich es nicht, aber ich glaube, es ist diese Berührtheit, er hat sich von den Tieren angesprochen gefühlt. Er hat sich ja nicht nur mit den Tieren befasst, sondern mit der gesamten Natur. Er hatte einen besonderen Draht zur Tierwelt und ich denke, er hat sich in seiner Kindheit und Jugend auch viel damit auseinandergesetzt.“

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Horst Stern hat sich viel mit heimischen Tierarten beschäftigt. Seine Botschaft war eindeutig: Ein Huhn ist ein Lauftier und gehört nicht in den Käfig, ein Rind ist ein Weidegänger und gehört nicht auf Spaltenböden und ein Pferd sollte nicht über 1,80 Meter hohe Hürden gescheucht werden. Damit macht man sich keine Freunde, oder?

Preisfeld: „Richtig, damit macht man sich zumindest bei den Leuten keine Freunde, die Tiere eben so behandeln. Auf der einen Seite ist es ihm gelungen, Menschen wachzurütteln, er hat sie schockiert, hat sie direkt angesprochen, hat sie getroffen, aber dadurch hat er sie auch manchmal verärgert. Manche haben ihren Weg danach positiv geändert.

Er hat praktisch alle gegen sich aufgebracht und es sich mit vielen verscherzt. Die Jäger, weil er ihre Art der Hege nicht schätzte, da man so hegte, dass immer viele Tiere zum Abschießen da waren. Das hat ihn geärgert und auch, dass das Töten von Tieren als Sport betrachtet wird – das ärgert mich auch –; die Wirtschaft hat er mit seiner Forderung auf Rücksichtnahme auf die Natur natürlich verärgert und damit ist er auch schon eine Art Pionier für nachhaltiges Wirtschaften gewesen.

Er hat sehr früh den Vorteil von Nachhaltigkeit entdeckt und versucht, den Gedanken an die Wirtschaft weiterzugeben. Er hat auch die Landwirte gegen sich aufgebracht, weil er naturnahe Landwirtschaft wollte, ökologische Maßnahmen forderte, eigentlich den modernen Bioanbau gefordert hat. Er drängte auf den Verzicht von Pestiziden und Herbiziden, die ja leider auch heute noch viel zu stark eingesetzt werden. Und er wandte sich gegen die Tierquälerei, die besonders in der Massentierhaltung einfach so hingenommen wird.

Er brachte selbst die Naturschützer gegen sich auf, das mag man zwar nicht glauben, aber gerade am ganz bekannten Beispiel der Rothirsche, hat er deren Abschuss statt deren Schutz gefordert, weil sie unseren Wald kaputt machen. Da spricht er das ökologische Missverhältnis in unseren Ökosystemen an, denn es gibt keine natürlichen Feinde, außer den Jägern, und wenn die nicht tätig werden, entsteht ein noch größeres Missverhältnis zwischen den Tieren im Wald und den Pflanzen.

Und zum guten Schluss hatte er es sich auch mit den Tierliebhabern verscherzt, weil er auch deren vermenschlichende „Kuschelbetrachtung“ ablehnte. Stern wollte auch auf keinen Fall auf der Schiene anderer Filmemacher fahren, die den eleganten Jaguar oder die angstmachende Anakonda dramatisch darstellten. Er wollte, dass die Tiere als das betrachtet werden, was sie sind.“

Mit insgesamt 24 Folgen der Reihe „Sterns Stunde“ schrieb er zudem Fernsehgeschichte. Seine Folgen über das Haushuhn oder das Hausschwein brachte die Bevölkerung in Rage, weil er auch Missstände klar und deutlich aufzeigte. Wie machte er das?

Preisfeld: „Ganz einfach, er zeigte die Wahrheit. Er ging in die Schlachthäuser, in die Schweineställe und Hühnerställe und filmte die Zustände dort. Dann sah man das unendliche Leid der Tiere. Leider hat sich daran bis heute nichts oder zumindest nicht viel geändert. Er war nie reißerisch oder hip, sondern immer eher nüchtern und hat uns gezeigt, was die Konsequenzen unseres luxuriösen Lebensstandards sind. Und das hat die Leute geschockt und verärgert. Mit diesem Rothirschfilm, der dann auch noch am Heiligen Abend ausgestrahlt wurde, obwohl das die Entscheidung des Senders war, brachte er viele Menschen gegen sich auf. Dennoch haben sie offensichtlich wieder eingeschaltet …“

Eine seiner Sendungen leitete er mit folgendem Satz ein: „Ich bitte Sie, harren Sie aus! Sie sind es der Glaubwürdigkeit Ihres vorauszusehenden Protestes schuldig. Eine Gesellschaft, die geradezu süchtig zu sein scheint nach fiktiver Gewalt im Fernsehen, sollte wenigstens einmal, so meine ich, den Mut haben, jener realen Gewalt ins Gesicht zu schauen, die täglich in unser aller Namen tausendfach an Tieren verübt wird.“ So hatte man Tiersendungen bis dato nicht erlebt, oder?

Preisfeld: „Das hatte man wirklich nicht! Es war schockierend. Er zeigte keinen Kuscheleffekt, nichts Exotisches, sondern er zeigte, was hier bei uns abläuft. Keiner geht freiwillig ins Schlachthaus, das möchte man sich nicht angucken, aber das muss man eigentlich, wenn man bereit ist, Fleisch zu essen, zumindest in den Massen, in denen wir Fleisch verzehren. Er hat damit eine Botschaft an die Menschen herangetragen.

Das lief zwar zum Teil im Unterhaltungsfernsehen, aber das hat er genutzt, um die Missstände tatsächlich dem Laien nahezubringen. Stern hat immer versucht, Wissen und die Gesellschaft zusammenzubringen, also die Wissenschaft auch aus dem Elfenbeinturm herauszuholen und sie verständlich darzustellen. Das ist ihm auch in diesen Sendungen, die ich auch gesehen habe, gut gelungen und haben bei mir ihre Wirkungen nicht verfehlt. Ich bin heute Veganerin.“

1975 gründete er unter anderem mit Bernhard Grzimek den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der mittlerweile fast 500.000 Mitglieder hat und bei allen Eingriffen in den Naturhaushalt angehört werden muss. Kann man ihn als einen der ersten Umweltaktivisten ansehen?

Preisfeld: „Auf jeden Fall als Umweltaktivisten, es gab vielleicht den ein oder anderen vorher, aber er hat seine Aktivität weitergebracht. Er hat die Deutsche Umweltstiftung und auch den BUND mitbegründet, der auch heute noch als einflussreicher Verein seine Wirkung hat. Er war sicher ein Umweltaktivist, obwohl er das bestimmt nicht gerne gehört hätte, denn er war auch sehr selbstkritisch und orientierte sich eher an seinen Misserfolgen als an seinen Erfolgen.

Das hat auch letztendlich dazu geführt, dass er sich komplett zurückgezogen hat. Er war jemand, der die Umwelt in den Fokus gerückt hat, das ist auf jeden Fall sein Verdienst. Seine Aktivitäten haben zu politischen Debatten geführt und somit hat er viel bewegt.“

1980 gründet er die Zeitschrift „Natur“ und streitet die folgenden Jahrzehnte gegen Wald- und Artensterben, gegen Massentierhaltung und Gentechnik. Mit seinem Buch „Rettet den Wald“ gilt er als einer der ersten, die auf das Waldsterben aufmerksam machen. Welche Bedeutung hat Horst Stern, der weder Zoologe noch Biologe war, für diese Disziplinen?

Preisfeld: „Sein Anliegen war ganz deutlich, ich habe noch die Erstausgabe der Zeitschrift ,Natur‘, die ich damals wirklich verschlungen habe, und das Editorial ist nach wie vor lesenswert. Er hat sich beispielsweise die Frage gestellt: Wie macht man die Erkenntnisse der Wissenschaft gesellschaftspolitisch wirksam? Seine Bedeutung für die Zoologie und Biologie? Er hat ja vor allem ökologische Zusammenhänge dargestellt, etwas, was damals den Wissenschaftlern bekannt war, aber der Gesellschaft an sich eben nicht. Also die Frage nach den Zusammenhängen von Handeln und Natur. Wenn eine Pflanze ausstirbt, welche Konsequenzen hat das im Nahrungsnetz der ganzen Community? Was passiert mit dem Schmetterling, der dann nicht mehr den Nektar saugen kann? Was passiert, wenn Fichten im Wald sterben, wenn zu viele Rothirsche da sind oder wie heute, der Borkenkäfer?

Er hat neue Kombinationen des Denkens an die Menschen herangebracht. Er hat gezeigt, dass Ökologie immer im Zusammenhang gedacht werden muss. Man kann nicht das einzelne Tier oder die einzelne Pflanze betrachten. Damit hat er den Naturschutz allgemein beeinflusst, gar nicht einzelne Disziplinen. Er hat um Verständnis geworben und damit viel erreicht. Die Anti-Atomkraftbewegung, die Entstehung der Grünen, das ist alles in der Zeit passiert, und Stern hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.“

Was ist das Vermächtnis dieses streitbaren Geistes?

Preisfeld: „Wenn man nur ganz oberflächlich auf die Welt blickt, dann könnte man denken, er hätte eigentlich gar nichts bewirkt, weil die Missstände immer noch da sind. Es gibt noch Schlachthäuser, das Waldsterben ist schlimmer geworden, die Klimakatastrophe kommt dazu und darüber hatte er auch schon gesprochen. Dieser Blick war immer seine Sorge. Er meinte, er habe bei den Kleinen vielleicht etwas bewirkt, damit meinte er die einzelnen Menschen in der Gesellschaft, aber bei den Großen, also den Politikern und der Wirtschaft, den Entscheidungsträgern, eigentlich nicht.

Aber ich sehe das nicht so dramatisch. Ich denke schon, er hat viel bewirkt und es gibt ja eine immer stärker werdende Bewusstheit der Menschen gegenüber der Natur, die ganze Biobewegung, oder dass man doch nicht so viel Fleisch isst, oder Biogemüse kauft und weniger Auto fährt. Natürlich ist der Mensch ein Luxuswesen und nur bereit sich zu ändern, wenn er Konsequenzen des eigenen Handelns spürt. Im Moment ist die Bereitschaft groß, weil wir alle die Klimaveränderungen spüren, oder noch den Schrecken der Hochwasserkatastrophe vom letzten Jahr im Kopf haben. Dann sind wir bereit, etwas zu tun.

Und das Wachrütteln war sein Verdienst. Er hat auch nie die Politik und die Wirtschaft in die Ecke der Bösen gerückt, er hat sich immer um einen Dialog bemüht und nach Kompromissen und Lösungen gesucht. Das ist auch etwas, was wir in der aktuellen Regierung wiederfinden. Wir müssen Kompromisse finden, und das ist vielleicht auch Sterns Vermächtnis. Ein bewundernswerter Mann.“