Auf ein Bier in Wuppertals Müllmuseums-Kneipe

Kneipenserie „Auf ein Bier“ : Wuppertals schönster Müllhaufen

Er ist mit Abstand der dienstälteste Museumschef dieser Stadt. Heinz Opitz, 77 Jahre alt, hat 25 Jahre lang das Müllmuseum an der Berliner Straße am Wupperfelder Markt in Barmen betrieben. Seit 12 Jahren führt er das Lokal nun unter dem gleichen Namen an der Haspeler Schulstraße 19 in Unterbarmen.

Ein Großteil der tatsächlich vom Müll gesammelten rund 500 Ausstellungsstücke ist auch in Unterbarmen zu sehen. „Der Rest ist auf dubiose Weise verschwunden. Ich vermute beim Transport“, berichtet Opitz. Die Nr. 1 der Sammlung trägt eine Bibel, die der am 28. Dezember 1848 geborene Leonhard Freising im Jahre 1862 geschenkt bekam. Auch das Predigtbuch von 1763 mit der Widmung des Erzbischofs Franz Josef von München und Freising vom 14.November 1905 gibt es noch. Bismarck und Hindenburg sind vielfach präsent, ebenso eine hölzerne Gymnastikkeule und ein orientalisches Wäscheschlagbrett, dazu das Lehrbuch der Geburtskunde von 1829 und als Prunkstück eine Standuhr, für die schon oft viel Geld geboten wurde.

Die Sammlung stammt von Robert Poth, dem langjährigen Oberbetriebsleiter der Wuppertaler Müllabfuhr. Als ein Mitarbeiter eines Tages eine gut erhaltene Machiavelli-Bibel anschleppte, ließ Poth gezielt suchen. Die immer zahlreicher werdenden Fundstücke waren zunächst als Ausstellung in einem Zimmer auf dem Müllabfuhr-Gelände am Barmer Klingelholl untergebracht.

Robert Poth starb 1968, am Klingelholl ging es nicht mehr weiter und seine Witwe Leonie als Eigentümerin verkaufte die Sammlung 1973 für 7.500 Deutsche Mark an die Bremme-Brauerei. Es ging ihr weniger ums Geld, vor allem wollte sie das Erbe ihres Mannes erhalten. Bremme integrierte die Poth-Sammlung in die Gaststätte an der Berliner Straße und diese Idee wurde ein Volltreffer: Unzählige Fernsehteams reisten an, vor allem in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war „dat Müll“ des Ehepaares Opitz total angesagt. Gedränge an den Theken war Alltag, man traf sich dort, bevorzugt die Handballszene. Für viele war es ein Wohnzimmer-Ersatz, sogar Ehen sind dort entstanden.

Das unerwartete Ende kam 2003 mit der Kündigung des Mietvertrages. Heinz Opitz war verzweifelt: „Wie kann man ein solches Kleinod einfach schließen...“.

Der „Museumsdirektor“ mit Tochter Angelique und dem Bild des Museumsgründers Robert Poth. Foto: Bettina Osswald

Nach dem Ende der Bremme-Brauerei stieg die Schwelmer Brauerei ein, Hoffnung keimte auf. In der einstigen „Schwelmer Quelle“ an der Haspeler Schulstraße fand das Müllmuseum schließlich 2007 eine neue Heimat. Aber, das hat Heinz Opitz längst erkannt, die Zeiten haben sich verändert: „Stammkunden wie früher gibt es kaum noch. Unsere Gäste sind das „Mittelalter“. Es erscheint auch die Jugend, dann aber sehr spät am Abend. Wir haben drei Karnevalsgesellschaften, regelmäßig kommen Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte. Es ist ja nicht weit von den Gerichtsgebäuden“, sagt Opitz.

Demnächst findet die Skat-Meisterschaft des Deutschen Richterbundes im Müllmuseum statt. Auch der Schauspieler Claus Wilcke gehört zu den Gästen, er hat es nicht weit zu seiner Wohnung an der Friedrich-Engels-Allee.

Opitz steht entweder hinter der Theke oder, wesentlich lieber, in der Küche mit ihrer bodenständigen, soliden Karte. Wie lange er das mit seinen 77 Jahren noch machen will? „Solange ich fit bin. Mir tut nichts weh und mit meinem Verpächter verstehe ich mich gut.“

Übrigens haben nicht nur viele Museumsstücke den Weg von Ober- nach Unterbarmen mitgemacht. Auch die Telefonnummer 66 34 74 ist geblieben. Wenn man Heinz Opitz und das Müllmuseum erreichen will, muss man diese Nummer wählen. Ein Handy hat er nicht.