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Rundschau Chefredakteur Hendrik Walder geht in den Ruhestand

Kurz vor Toreschluss - die vorerst letzten Worte unseres Chefredakteurs : „Ich habe fertig“

Wie fange ich nur solch einen Artikel an? Quasi den letzten. Denn wenn Sie diese Zeilen lesen, befinde ich mich schon im Ruhestand. Nach fast 37 Jahren Rundschau, fast 2.000 Wochen. Wie haben Sie das nur so lange mit mir ausgehalten...

Fasst man an dieser Stelle die wichtigsten Geschehnisse noch einmal zusammen? Etwa den Bau der Uni-Halle, der Bergischen Sonne, der Rathaus Galerie oder den Döppersberg-Umbau, den Schwebebahn-Absturz oder die Stadthallen-Restaurierung, die Rotweinrunde oder die Bundespräsidentenwahl von Johannes Rau? Aber wen interessiert das schon?

Ziehe ich lieber ein allumfassendes Fazit oder ganz gemein über die Leute her, die in all den Jahren zu gut weggekommen sind? Das könnte jedenfalls auf mehr Interesse stoßen, vor allem bei den Beteiligten.

Aber ich könnte auch einfach die schönsten Anekdoten erzählen, dann hat man wenigstens was zu lachen. Etwa die über den Werbepapst Charles Wilp, der uns morgens um 11 Uhr in der Redaktion aufsuchte und völlig selbstverständlich zuerst nach einem Glas Rotwein fragte. Oder die über den Besuch von Konrad Kujau, den Fälscher der Hitler-Tagebücher, der uns das halbe Gästebuch mit Unterschriften von Friedrich dem Großen bis Ronald Reagan und Donald Trump vollschrieb (Sie merken, ich flunkere, aber ich bin sicher, dass es dem längst verstorbenen Kujau bei Trumps Autogramm in den Fingern gejuckt hätte).

Von Anfang an ein großer Rundschau-Fan: Peter Hintze hielt sich auch online immer mit uns auf dem Laufenden. Hier beim Redaktionsbesuch 1998 mit den jungen Kollegen Roderich Trapp und Jörn Koldehoff. Foto: Rundschau

Ich könnte auch noch mal vom Interview mit Hans Dietrich Genscher berichten. Beim vorgeschalteten Small Talk mit Kaffee und Kuchen hatte ich schon meinen ganzen Themenkatalog verballert, als er mich aufforderte: „So, dann wollen wir jetzt mal arbeiten“ und ich mich schweißgebadet von Frage zu Frage hangelte. Das habe ich zwar schon zweimal geschrieben, aber ältere Leute wiederholen sich eben gerne.

Stattdessen könnte ich natürlich auch von spektakulären Treffen mit ebenso spektakulären Menschen berichten – von Michail Gorbatschow bis Reinhold Messner, von Stefanie Hertel bis Yassir Arafat, von Edda Moser bis Ian Anderson, von Bill Ramsey bis Dieter Hildebrandt, von Rita Süssmuth bis Jörg Knör. Aber ach, das wäre ja eigentlich nur eine inhaltsleere Namenhuberei. Vielleicht interessiert Sie nämlich viel mehr, wie ich neben Johannes Rau im „Prominenten-Chor“ das Bergische Heimatlied gesungen habe, oder wie ich vor 50 Wuppertaler Schulrektoren unsere Serie „Pimp my school“ verteidigen musste (einer meiner allerallerhärtesten Termine).

Glauben Sie bitte nicht, ich könnte gut Fußball spielen. Aber beim Turnier für Ausländerfreundschaft 1988 ging es in jeder Beziehung um Fair Play. Das kam mir sehr entgegen. Foto: Heinz Eschmat

Viel erzählen könnte ich auch über die Unterzeichnung der 2+4-Verträge in New York, die ich begleiten durfte, oder über die Einweihung des Gipfelkreuzes vom Roten Knopf (3.296 Meter), dem Hausberg der Elberfelder Hütte. Immer noch nervenaufreibend auch meine Erinnerungen an die Simultanschach-Niederlagen gegen die Großmeister Hort und Hübner sowie die Undercover-Reportage über das NPD-Treffen in der Alsenstraße mit den scharfen Schäferhunden neben mir.

Und was halten Sie als Außenstehender so von Bildender Kunst? Fotograf Heinz Eschmat fand 1986, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und ich sollten uns mit der Skulptur in der „Galerie Palette“ beschäftigen, damit das Foto etwas lebendiger wirkt. Im Ergebnis konnten wir leider beide nicht viel mit dem Werk anfangen. Foto: Heinz Eschmat

Wo ich schon mal dran bin: Ich habe einen Wuppertaler Hotelier in dessen Fünfsternehotel in Manhattan porträtiert, auf der anderen Seite aber auch zahllose Ratssitzungen über mich ergehen lassen, habe einen Professor der Uni Wuppertal mit dem Wasserflugzeug in seiner Lachsfarm in den norwegischen Fjorden aufgesucht und mir im Wicküler-Zeppelin beinahe einen Hörsturz zugezogen. Ich habe über die Partnerstädte Wuppertals aus eigener Anschauung berichtet – aus Jekaterinburg bei minus 16 Grad. Aber will das irgendjemand wissen?

Nun ja, immerhin wird ein wenig deutlich, dass der Lokaljournalist durchaus „mal rauskommt“, vor allem aber, dass er den vermutlich abwechslungsreichsten Beruf der Welt hat. Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport – in sämtlichen klassischen Sparten kann er sich austoben, sollte sich allerdings zumindest auch ein wenig auskennen. Er lernt unzählige Menschen kennen und ständig was dazu. U

Die Dame links ist Professorin Edda Moser, Kammersängerin, deren „Königin der Nacht“-Arie aus der „Zauberflöte“ an Bord der Raumsonde Voyager durch das Sonnensystem kreuzt. Beim zehnjährigen Jubiläum des Barmer Bahnhofs in den Händen ihres Kollegenfreundes Kurt Rydl misslang mein Versuch, sie in unseren Konzertchor zu locken. Foto: Bettina Osswald

nd wenn er dann noch ein so grandioses und liebenswertes Team um sich hat, wie ich es hatte, mit den erfahrenen und beliebten Roderich Trapp, Stefan Seitz und Jörn Koldehoff sowie unseren tollen Newcomern Nina Bossy und Hannah Florian – dann weiß ich die Zukunft der Redaktion wirklich in den besten Händen. Und: In all den Jahren hatte ich einen engagierten Verkauf und zwei offene und loyale Geschäftsführer an meiner Seite, die uns den nötigen Raum und die Freiheiten gelassen haben, die für den Erfolg unverzichtbar sind. So soll es auch weiterhin sein – deswegen bleiben Sie, liebe Leserinnen und Leser, der Rundschau gewogen!

Adieu!