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Arme Kinder, alte Menschen oder funktionierende Wirtschaft?: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das Leben nicht!

Arme Kinder, alte Menschen oder funktionierende Wirtschaft? : Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das Leben nicht!

Betr.: Corona

„Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben. „Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann", so der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen.

Arme Kinder, alte Menschen oder funktionierende Wirtschaft?

Bereits vor der Corona-Pandemie starben weltweit Millionen Kinder im Jahr einen Hungertod, obwohl die Wirtschaft seit Jahren boomt. Wie pervers muss man sein, eine solche Alternative heute zur Rettung eines Wirtschaftssystems aufzustellen, das in der Vergangenheit den Tod hungernder Kinder billigend in Kauf genommen beziehungsweise verursacht hat? Es würde einen Bruchteil der Finanzen, die vor wenigen Jahren zur Rettung der Banken (geschweige denn aktuell zum Erhalt eben dieses Systems) eingesetzt wurden, ausreichen, um die armen Kinder dieser Erde täglich gesund zu ernähren und ihnen mit Bildung eine glückliche Zukunft zu bieten. In die Zukunft dieser Kinder wurde und wird aber bewusst nicht investiert!

Offenbar befällt das Corona-Virus nicht nur die inneren Organe, sondern auch den Verstand. Anders lässt sich nicht erklären, dass im Moment in einer unfassbaren Beschleunigung nicht nur alle geglaubten Axiome einer grundgesetzlich garantierten Rechtssicherheit zerlegt werden, sondern auch sukzessive grundlegende moralische und ethische Standards, die unsere Gesellschaft nach dem Faschismus bisher einigermaßen zusammenhielten.

Hat jemand, der 80 Jahre alt geworden ist und diese Gesellschaft mit aufgebaut hat, seine Existenzberechtigung aufgrund seines Alt-Werdens verwirkt? Auch wenn es nur um ein halbes Jahr gehen sollte? Gerade erst mussten wir uns vom Präsidenten des Parlaments belehren lassen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das Leben nicht! Sagt Herr Schäuble etwas anderes als Herr Palmer?

In ersten Stellungnahmen beruhigen Politiker*innen vor allem der Grünen ihr neues Wählerpotenzial unter den Senior*innen. Das sei alles nicht so ernst gemeint. Eine Kritik an den Großunternehmen, die ihre Mitarbeiter*innen in die Kurzarbeit schicken, während sie zugleich ihren Aktionären Dividenden ausschütten, überlassen hingegen alle der Partei der Linken. Hierdurch sieht niemand die Würde oder den Zusammenhalt der Gesellschaft oder das Leben armer Kinder gefährdet.

Der Geist hinter diesen Gedanken, die typisch deutsche Radikalität in der Dekonstruktion rechtlicher Standards sowie die fehlende Vision für eine gerechte und friedliche Welt nach Corona machen mir langsam mehr Angst, als die Möglichkeit, am Virus zu erkranken.

Erhard Ufermann (Theologe, Musiker, Kulturarbeiter)