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Wuppertaler Bühnen: Ein Cocktail oder ein Kinderleben?

Wuppertaler Bühnen : Ein Cocktail oder ein Kinderleben?

Grotesker geht’s kaum noch: „Benefiz – jeder rettet einen Afrikaner“ thematisiert gnadenlos das Absurdistan rund um die Spendenwirtschaft. Und dass die „Geisterpremiere“ im Theater am Engelsgarten unter Corona-Bedingungen mit nur rund 30 Gästen stattfinden musste, macht alles nur noch verrückter.

Trotzdem: Dass die Wuppertaler Bühnen sich entschlossen (und zugetraut) haben, das vom Lockdown ausgebremste Stück aus der Feder von Ingrid Lausund jetzt doch für eine im wahrsten Sinn des Wortes einmalige Premiere auf die Bühne zu schicken, verdient Respekt. Was sich abspielt auf dieser Bühne, kann das Publikum erst ab dem 26. September live erleben, wenn die rasante und emotional starke Inszenierung von Anna Elisabeth Frick in den dann laufenden Herbstspielplan integriert wird. Ein Corona-Glücksfall, wenn man so will, ist das genial einfache Bühnenbild von Christian Blechschmidt: Die fünf Darsteller agieren von großen, aufklappbaren Sperrholzkisten aus, womit sie vorschriftsmäßig voneinander getrennt und zu ausreichendem Abstand verdammt sind.

Apropos verdammt sein: Was Julia Meier, Annou Reiners, Kevin Wilke, Matthias Eberle und Stefan Walz hier machen (müssen), hat An-den-Kopf-Fassen-Charakter. Fünf Schauspieler proben einen Benefiz-Abend, um Spenden für Kinder im westafrikanischen Guinea-Bissau zu generieren. Und zwar möglichst viele Spenden. Auf der Strecke dieser immer wieder von gemeinsamen Schreianfällen unterbrochenen Probe wird überdeutlich, welch verschiedene Charaktere und welch verschiedene Beweggründe sich da zusammengefunden haben, um Gutes zu tun.Aber haben sie wirklich zusammengefunden? Und wollen sie überhaupt wirklich Gutes tun? Julia Meier als zarte und intensiv verzweifelte Eva, die die Regie der Benefiz-Truppe zu führen versucht, sicherlich. Annou Reiners, die Showgirl-Zicken-Diva Christine, der es um die optimale Wirkung für sich selbst geht, eher weniger. Matthias Eberle als Leo entpuppt sich als zynisch-realistischer Gefühlsduselei-Analyst mit knallharter Position: Gibt man zehn Euro für einen Cocktail aus – oder für ein Kinderleben, das mit dieser Pro-Monat-Summe per Patenschaft gerettet werden könnte? Leichtfüßig und leider (das ist seiner Rolle geschuldet) zu sehr an der Oberfläche bleibt Kevin Wilke als Rainer.

Außergewöhnlich in diesem Stück, das auf Gefühls- und andere Auf-und-Abfahrten führt, ist Stefan Walz: Zu Beginn verzagt, agiert er im putzigen Tropen-Look und aus mit Botanik bestückter Kiste wie einer, der nicht recht weiß, wohin mit sich und dieser Hilfs-Aktion für den „Schwarzen Kontinent“ und seine so vielfach und so unterschiedlich von Schrecklichkeiten betroffenen Kinder. Dann aber – beinahe plötzlich – knallt er einen hochemotionalen und von tiefem Gerechtigkeitssinn durchdrungenen beinahe zehnminütigen Monolog (ohne einen einzigen Versprecher!) ins Publikum, der den Atem stocken lässt. Da fällt einem jede Situation ein, wo man sich um einen Spendensammler herumgedrückt hat, weil man das Kleingeld doch gerade für Zigaretten passend herausgesucht hatte und deswegen nicht weggeben will... Am Ende dieses hochdramatischen Monologs wechselt Walz sozusagen die Maske – und man weiß nicht mehr: War das jetzt echt? Oder doch nur Show, um für mehr Spendengeld zu sorgen?

Übrigens: Wer glaubt, zu Zeiten von Corona könnte echte Körperlichkeit auf der Theaterbühne nicht (mehr) erlebbar sein, schaue sich im September „Benefiz“ an. Und zwar unbedingt!