Die Story beruht auf wahren Begebenheiten: Ein Lehrer an einer amerikanischen Highschool will 1967 (echter Name Ron Jones, im Stück Ben Ross) seinen Geschichtskursen deutlich machen, wie die Nazis in Deutschland in den 1930er Jahren an die Macht kommen konnten. Dazu wagt er ein Experiment: Er erfindet eine elitäre Gruppe namens „Die Welle” – und lässt die Jugendlichen darin selbst zu Faschisten werden. Doch schon nach kurzer Zeit gerät der Feldversuch völlig außer Kontrolle.
Das Buch „Die Welle” ist eine klassische Schullektüre. Der Literaturkurs Q1 der Erich-Fried-Gesamtschule Ronsdorf hat sich die Bühnenfassung dazu vorgenommen. Und da ihr Lehrer, Benjamin Breutel auch Regisseur im Taltontheater ist, entstand eine Kooperation mit Beispielcharakter: Die Schüler können das Stück mit Mitgliedern des TTT-Ensembles auf einer echten Bühne spielen. Das TTT im Gegenzug bietet seinem Publikum ein wichtiges Jugendstück mit authentischen Darstellern.
Da trifft es sich vorzüglich, dass Niklas Selz, der Ben Ross spielt, wirklich Lehrer ist. So wirkt seine Interaktion mit den Jugendlichen wie eine echte Unterrichtssituation. Das Spannende am Stück ist die Entwicklung der Figuren. Regisseur Benjamin Breutel belässt die Handlung in den USA, lässt sie jedoch in der Gegenwart spielen.
Erst gibt es die typischen Gruppen – die Jungs aus dem Footballteam, die Beliebten, die Unauffälligen, die Mobbing-Opfer. Durch „Die Welle“ entsteht eine „In-Group”, in der angeblich alle gleich sind und gemeinsame Ziele verfolgen – gemäß Slogans wie „Stärke durch Disziplin. Stärke durch Gemeinschaft. Stärke durch Aktion.” So wird der Hoodie tragende Außenseiter Robert plötzlich zum Rädelsführer, der Andersdenkende denunziert und vor Gewalt nicht zurückschreckt. Falk Hüsemann spielt diese Figur beeindruckend glaubwürdig.
Einzig Schülerzeitungsredakteurin Laurie (Sophia Söhngen) thematisiert die Veränderung – und wird daraufhin von ihrem Freund David (Liam Schael) verlassen. Sogar beim Lehrerehepaar Ross kriselt es, denn Christy Ross (Stefanie Gindler) ist mit dem Experiment nicht einverstanden.
Das Ende der „Welle” ist für die Schüler ein Schock. Denn ihr Lehrer konfrontiert sie damit, dass sie ihre Meinungen und Ideale aufgegeben haben. Dazu werden in der TTT-Inszenierung, wie 1967 wohl auch bei Ron Jones, Videosequenzen mit Adolf Hitler eingespielt. Sehr interessant sind ganz am Schluss Interviewausschnitte von den echten Schülern von damals, die Ron Jones dankbar für diese krasse Erfahrung sind. Übrigens: Jones verlor nach dem Experiment seinen Job.
Fazit: Ein wichtiges Thema, ein spannendes, gut inszeniertes Stück mit neun sehr engagierten Darstellerinnen und Darstellern pro Vorstellung. Teilweise sind die Rollen doppelt besetzt. Wer die Befürchtung hat, reines Schultheater zu erleben, wird positiv überrascht. Also: Experiment „Kooperation” geglückt. Es wäre wünschenswert, dass viel mehr Menschen jeden Alters sich das Stück ansehen und darin erkennen, wie schnell Gesellschaften in faschistische Strukturen abgleiten können. Man kann aus Geschichte(n) lernen!
Die nächsten Aufführungen von „Die Welle” gibt es am 13., 14., 20. und 21. Juni 2026 im Taltontheater an der Wiesenstraße 118. (Karten-)Telefon 0202 / 24 79 860, Homepage-Infos auf www.taltontheater.de