1. Kultur

Welturaufführung von Boris Chamatz' "Liberté Cathédrale"

„Liberté Cathédrale“ von Boris Charmatz : Glocken, Orgel, Menschenleiber

Boris Charmatz, der neue Intendant des Wuppertaler Tanztheaters, hat einen Pflock eingeschlagen. Sein etwa zweistündiges Stück „Liberté Cathédrale“ hatte jetzt Welturaufführung im beeindruckenden Nevigeser Mariendom. Ein fünfteiliges Furioso – ohne Zeit für Zärtlichkeit.

Auf der großen Mittelfläche der betongebirgsartigen 1968er-Kirche entfaltet sich ein Sog von Klängen, Geräuschen, Worten, Bewegungen und Licht. Der düstere architektonische Raum und seine riesige Deckenhöhe korrespondieren mit dem atemlos-rasanten „Bühnen“-Geschehen. Eine Pause gibt es nicht. Man wüsste auch nicht, wo sie sein sollte.

In fünf Abschnitte hat Boris Charmatz das Stück unterteilt, bei dem zum großen Teil Wuppertaler Ensemblemitglieder sowie auch Tänzerinnen und Tänzer der französischen Compagnie „Terrain“ aktiv sind. Abschnitt 1 heißt „Opus“: Ein Beethoven-Werk wird stimmlich a capella interpretiert, körperlich abstrahiert. Das zieht sich dann doch, findet aber beim nahtlosen Übergang in Abschnitt 2 namens „Geläut“ wieder kraftvoll in die Spur: Eine schier unendliche Glockenvielfalt lässt die Ohren versinken, die Körper, die dem Läuten auf den Punkt folgen, fesseln in ihrer Beinahe-Trance und gleichzeitiger Geschwindigkeit. „For whom the Bell tolls“ ist Abschnitt 3 – leiser, langsamer, ganz nahe am Publikum: Der Text des John-Donne-Gedichtes „No man is island“ wird geflüstert. Aber nicht nur der. In Abschnitt 4, „Stille“, sind die Münder weit aufgerissen, aber stumm. Eine vielgesichtige, erschreckende Anklage. Wogegen? Missbrauch durch Geistliche? All das endet mit dem Abschnitt „Berühren“: Zu einem überflutenden und im wahrsten Wortsinn mächtigen Orgelklangteppich agieren alle Tänzerinnen und Tänzer niemals getrennt. Bis zum Hinaufstapeln dreier Körper auf eine Gruppe Stehender.

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„Liberté Cathédrale“ ist ununterbrochene Bewegung. Was wie „Durcheinander“ wirkt, ist minutiös durchchoreografiert. Die Nähe zum Ensemble beträgt höchstens ein paar Meter, manchmal nur Zentimeter. Niemals wäre diese Nähe beispielsweise im Opernhaus möglich.

„Liberté Cathédrale“ ist Eintauchen ins Licht – gelbes, helles, strahlendes, schattiges Licht. Yves Godin zeichnet dafür verantwortlich. Die Musik nimmt gefangen. Ob man das will oder ihr lieber entgehen würde, wie vielleicht in Abschnitt 5. Die Nevigeser Dom-Orgel spielt Jean-Baptiste Monnot. Das in einer aufsehenerregenden Mischung aus Aerobic-Studio und Steam-Punk-Party gekleidete Ensemble (Kostüme: Florence Samain) lässt keine Sekunde nach: Eine riesige Körperleistung, Menschenleibermassen, die mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind bis hinein ins Publikum, bis hinauf auf die Kirchenemporen. Schier weiß das Auge nicht, wohin es soll während dieser zwei Stunden.

Wer Verwandtschaft zu Pina-Bausch-Stücken sucht, findet allenfalls ein paar sparsame Gesten – etwa bei Julian Stierle. „Liberté Cathédrale“ ist Charmatz. Wer, wie bei Pina Bausch, Geschichten erzählt bekommen möchte, die trotz aller Traurigkeit immer wieder Zärtliches, Fröhliches zu geben wissen, wird unerfüllt nach Hause gehen.

Das hier ist anders: Hörbare Atemlosigkeit, komplette Körperlichkeit, schweißtreibende Schonungslosigkeit. „Liberté Cathédrale“ ist extrem.

Aber – und da gleicht das alles doch wieder Pina Bausch: Man kommt anders heraus als man hineingegangen ist.

Nochmals zu sehen ist „Liberté Cathédrale“ am 12., 13., 15. und 16. September 2023 jeweils um 20 Uhr im Nevigeser Mariendom.