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Taltontheater Wuppertal: Sie alle spielen wie um ihr Leben

Taltontheater Wuppertal : Sie alle spielen wie um ihr Leben

Martha und George leben in einem „Drecksloch“ und wünschen sich gegenseitig den Tod und Schlimmeres. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ ist nicht nur der Titel des Theaterstücks, das eine zerstörerische Ehe präsentiert und kürzlich eine grandiose Premiere im Taltontheater (TTT) feierte. Es ist auch ein Lied, das darin immer wieder vorkommt.

Als Edward Albee sein berühmtes Schauspiel 1962 veröffentlichte, kritisierte er damit das klassische US-Familienmodell von Vater, Mutter und mehreren Kindern. Denn Martha (Angela del Vecchio) und George (Jens Kalkhorst) haben keine echten Kinder, nur einen erfundenen Sohn. Auch die jungen Nachbarn, die nach einer Party nachts zu Besuch kommen, Nick (Moritz Heiermann) und Süße, im Original heißt sie Honey (Svenja Dee), sind kinderlos.

Heutzutage würde man darüber kein Wort verlieren. Dennoch ist das Psychodrama sehr aktuell. Die hasserfüllten Tiraden und das vermüllte Wohnzimmer, das durch Stahlstützen und Metallnetze ein Ausbrechen verhindert (Bühnenbild: Rüdiger Tepel), lässt einen an den Corona-Lockdown denken. Auch da gab es kein Entrinnen aus kaputten Beziehungen.

Zeitungen als Bodenbelag dienen als Verweis auf die Gegenwart und sind zugleich Symbol des intellektuellen Status der Protagonisten. Erniedrigungen, Beschimpfungen und vulgäre Sprache machen aus dem Akademikerpaar Täter und Opfer zugleich. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ ist ein dialogstarkes Stück, das den Darstellern einiges abverlangt.

Besonders die Leistung von Jens Kalkhorst ist zu würdigen, wobei alle fantastisch spielen. Er hatte eigentlich als Regisseur agiert, musste aber kurz vor der Premiere, die deshalb um eine Woche verschoben wurde, den Hauptdarsteller ersetzen. Drei Stunden (mit Pause) dauert die Aufführung. Da war schon eine Menge Text zu lernen. Benjamin Breutel übernahm als Co-Regisseur. Wer die Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton von 1966 mag, wird die Inszenierung im TTT lieben.

Das Ambiente der 60er Jahre wird mit den Kostümen und zerbrochenen Schallplatten eingefangen. Die Gefühlslage der streitenden Ehepartner und die ihrer erst unbeteiligten, dann selbst aktiv werdenden Gäste kommt wie im Film fesselnd beim Publikum an. Das titelgebende Lied ist übrigens eine Abwandlung eines amerikanischen Kinderliedes über die Angst vor dem bösen Wolf.

Das vierköpfige Ensemble des TTT spielt, als ginge es um sein Leben – nicht nur auf der Bühne. Die hervorragende Aufführung, die mit lang anhaltendem Applaus belohnt wurde, konnte nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass jetzt alles anders ist in der Kulturlandschaft. Maximal 30 Personen dürfen die Vorführungen im Taltontheater sehen; ein wirtschaftlicher Betrieb ist damit nicht mehr möglich.

Doch nicht nur die offiziellen Beschränkungen machen dem freien Theater Sorgen: „Im Durchschnitt waren an den letzten Abenden 18 Gäste hier“, sagt Mit-Geschäftsführer David Meister. Die Kosten für Miete und Strom liefen weiter, aber es gebe kaum Einnahmen. Schon am 14. März, bei der letzten Premiere vor dem Lockdown, hatte Jens Kalkhorst angekündigt, nur eine kurze Zeit finanziell überbrücken zu können. Inzwischen sind Monate vergangen und die Rücklagen des Theaters komplett aufgebraucht. Nur noch durch Spenden können neue Produktionen realisiert werden.