1. Kultur

Schauspielhaus Wuppertal stellt „Klassenzimmerstück“ vor

Schauspiel Wuppertal : „Die macht`s doch mit jedem!“

Das Wuppertaler Schauspiel stellte sein neues Format „Klassenzimmerstück“ in der Vohwinkeler Pina-Bausch-Gesamtschule vor.

Ungewöhnliche Wege zu gehen, das versprach Thomas Braus beim Antritt seiner Schauspielintendanz. Einer dieser Wege ist das sogenannte „Klassenzimmerstück“, das jetzt mit der Inszenierung von „Out! – Gefangen im Netz“ aus der Feder des mehrfach ausgezeichneten Autors Knut Winkelmann, seine Premiere erlebte.

Eigentlich ein ganz normaler Schultag an der Florian-Geyer-Straße in Vohwinkel. Nur in einem Klassenraum im ersten Stock ist alles etwas anders. Den hat nämlich das Schauspiel in Besitz genommen, Regisseur Peter Wallgram, Theaterpädagogin Sylvia Martin, heute auch für die Dramaturgie zuständig, und der Schauspieler Kevin Wilke, der im Ein-Personenstück gleich mehrere Rollen verkörpern wird, treffen letzte Vorbereitungen. Eine leichte Nervosität ist allen anzumerken, auch der Intendant wirkt angespannt.

Eine siebte Klasse ist die Zielgruppe der Aufführung, Klassenlehrerin Ruth Kaerger hat im Vorfeld Tische und Stühle angeordnet, nichts weist auf eine Theaterinszenierung hin. Ein Schellen kündigt das Ende der Pause an und die Kids nehmen Platz. So genau wissen sie nicht, was nun auf sie zukommt. Zeit darüber nachzudenken, haben sie nicht, denn schon wird mit Schwung die Tür aufgerissen und Kevin Wilke stürmt in den Raum.

Schwungvoll wirft er seine Aktentasche auf den Lehrerschreibtisch, zieht einen fiktiven Kripo-Dienstausweis aus der Hosentasche und stellt sich mit aggressivem Unterton vor. „Kripo, Abteilung Internetkriminalität, ich bin heute hier, um von Euch zu erfahren, wer für die Mobbingattacken im Internet verantwortlich ist. Wer glaubt, dass im Netz alles erlaubt ist, weil man anonym bleibt, liegt falsch, Unwahrheiten zu verbreiten fällt unters Strafrecht“.

Wilke verteilt Blätter, die die Kids mit ihren persönlichen Daten und den Namen der Erziehungsberechtigten ausfüllen sollen, sichtlich eingeschüchtert fangen die Schüler sofort an zu schreiben. Einige Minuten später wechselt Wilke die Rolle: „Ich bin nicht von der Kripo, die Marke habe ich im Internet runtergeladen, die Zettel könnt ihr zerreißen. Ich bin Dominik Stein, der Bruder von Vicky und ich möchte Euch die Geschichte meiner Schwester aus meiner Sicht erzählen“.

Viktoria, selbstbewusst und nach dem Motto „Das Netzt muss gefüttert werden“ in den sozialen Netzwerken unterwegs, wechselt die Schule. In der neuen Klasse wird sie zur Außenseiterin, lediglich Klara, ihre Banknachbarin redet mit ihr. Und dann ist da noch Luka, den sie sehr nett findet, aber der geht mit Larissa. Nach einer Party ist ihr Handy weg, dafür finden sich am nächsten Tag ziemlich freizügige Fotos von Vicky im Netz. Zwar stellt Vicky die Klasse zur Rede, doch der Schuldige meldet sich nicht, dafür wird sie als Schlampe und Hure bezeichnet. Im Elternhaus findet das Mädchen ebenfalls keinen Rückhalt, sie hat zu funktionieren – dass sie sich aus Einsamkeit längst in ihre Scheinwelt im Netz geflüchtet hat, wird nicht registriert.

Ein klärendes Gespräch mit Vater und Lehrer, das vor der Klasse stattfindet, löst die Eskalation aus. Vicky wird von den Jungs überfallen, ausgezogen und gezwungen, den Satz „Ich mach’ es mit jedem, für zwei Euro seid ihr dabei“, zu sprechen. Luka filmt die Szene mit dem Handy.

Das Mädchen versucht, sich umzubringen, aber der Bruder findet sie rechtzeitig.

45 spannende Minuten, die von Schauspieler Kevin Wilke mit Bravour gemeistert werden, scheinbar mühelos springt er von Rolle zu Rolle, ist Dominik, Vicky, Mutter und Vater, Klara – und als Englischlehrerin sächselt er gekonnt. Nur Stimme und Körperhaltung wechseln, wobei er auch über Tische und Bänke springt. Für weitere Spannung sorgt die temporeiche Inszenierung von Peter Wallgram, die nicht erlaubt, geistig abzuschalten.

Nach der Aufführung schließt sich ein 45-minütiges Gespräch zwischen den Schülern, Theaterpädagogin Sylvia Martin und Schauspieler Kevin Wilke an.

Einstimmig gibt es Schülerlob für die Inszenierungsform: „Das ist viel spannender, man wird direkt mit einbezogen, ganz anders, als wenn man im Theater sitzt“.