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„Löwenherz“ in Afrika

„Löwenherz“ in Afrika

Hermann Schulz' neuer Roman "Die Nacht von Dar es Salaam" ist großartig erzählte Menschen- und Missionsgeschichte.

Er ist zurückgekehrt nach Ostafrika, wo er geboren wurde. Dass die 192 Seiten von "Die Nacht von Dar es Salaam" ein Stück Familien(oder besser gesagt: Vater-)Geschichte von Hermann Schulz sind, wird nur durch die Nachbemerkung klar. Der, den Schulz diese Geschichte erzählen lässt, ist schon alt: Der Afrikaner Ndasenga schreibt für die Tochter des Mannes, um den sich alles dreht, auf, was damals in den 30er Jahren passierte.

Ndasenga war der "Boy" des deutschen Missionars Richard May. Als junger Ziegenhirt begegnete er dem, den die Schwarzen "Löwenherz" nannten — und blieb als Schüler, Begleiter und Freund bei ihm, bis der Deutsche kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Afrika verlassen musste. Ausgangspunkt des Textes ist die letzte Nacht, die Richard May in der Hafenstadt Dar es Salaam verbringt. Todkrank, fast mittellos, voller Sorge um Frau und Kinder. Er hat nur noch sein Gewahr, das er für drei Sack Rohkaffee verkaufen will. Vergeblich. May und Ndasenga landen über Nacht in einem arabischen Restaurant. Hier hört Ndasenga die Lebensabrechnung des Missionars. Am nächsten Morgen verlässt Richard May Afrika. Ndasenga bleibt zurück, schlägt seinen eigenen Weg ein -— bis die Begegnung mit Mays Tochter Jahrzehnte später alles wieder hervorholt.

Hermann Schulz erweist sich einmal mehr als zutiefst menschlicher Erzähler. Alle seine Figuren werden unmittelbar plastisch — dabei jenseits der Hauptpersonen vor allem der Inhaber des arabischen Restaurants, dessen Bedeutung für diese Geschichte größer ist, als man zunächst vermutet. Hermann Schulz realisiert durch Ndasengas Erzählerstimme eine Geschichte, die den Wechsel zwischen Zeit- und Persönlichkeitsebenen "rund" werden lässt. Ohne Brüche entfaltet sich ein Panorama brüchiger Menschen. Allen voran der Missionar: Richard May kämpft. Gegen Glaubensopportunismus, britische Verwaltung, reiche katholische Konkurrenz, Krankheit und Todesdrohungen, Stammesfürsten oder Schamanen — und gegen seine Selbstzweifel.
Kein bisschen Zuckerguss gießt Hermann Schulz hier auf Afrika: Nicht auf die Weißen, nicht auf die Schwarzen. Das umfassende Scheitern des Kolonialisierungsgedankens wird sichtbar wie unter dem Brennglas.

"Die Nacht von Dar es Salaam" fokussiert sich auf wenige Stunden Echt-Zeit und baut parallel ein großes Erinnerungspanorama. Dabei erzählt Schulz ganz unaufdringlich. Was da passiert, ist bitter, böse, enttäuschend, erstaunlich wunderschön — und voller Liebe. Dabei ist Richard May kein sanftmütiger Verkünder des Wortes Jesu. Nein, er ist aufbrausend und jähzornig. Aber die Menschen und ihre Schwächen sieht er und wendet sich ihnen zu. Mit Wörtern und seinen offenbar unendlichen handwerklichen Fähigkeiten.

Das klingt sehr rau. Ist es auch. Aber wenn das Buch zurückblendet in die Zeit, als Richard May und seine Frau sich kennenlernten, ist das Entstehen von Liebe so sanft geschrieben, dass das Staunen kein Ende nimmt über die vielschichtige Hauptfigur des Buches. Überhaupt: Hermann Schulz findet immer wieder ganz seltene Bilder. Etwa, wenn Ndasenga zurückblickt auf die Trennung im Hafen von Dar es Saalaam: "Nein, ich weinte nicht in diesem Augenblick. Ich habe viel später einmal geweint, als mich Trauer im Schlaf überfiel, wie ein Kind, das etwas verloren hat." Das ist große Literatur. "Die Nacht von Dar es Salaam" gehört zum Besten, was Hermann Schulz bisher geschrieben hat.