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Leider so leere Bilder der Liebe

Premiere : Leider so leere Bilder der Liebe

Mit 48 Jahren erschoss sich der krebskranke Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2013. Der Autor des erfolgreichen Romans „Tschick“ hat der schon in diesem Text vorkommenden Figur Isa, einem Mädchen, das auf einer Müllhalde lebt, mit „Bilder deiner großen Liebe“ sozusagen eine Fortsetzung gewidmet.

Zu Ende bringen konnte Herrndorf das Buch nicht mehr. Im Theater am Engelsgarten hatte jetzt die Wuppertaler Inszenierung der Bühnenfassung von Robert Koall unter der Regie von Barbara Büchmann Premiere. Nur zwei Menschen sind da auf der komplett reduziert möblierten Bühne (Jonas Vondrlik): Vor (und teilweise hinter) großen halbtransparenten Plastikplanen, auf einer langen Sitzbankkonstruktion und mit einem Ein-Mann-Zelt agieren Lena Vogt als Isa und Alexander Peiler, dessen Rolle schlicht „ein Mann“ heißt.

80 Minuten lang ohne Pause bewältigen sie – vor allem Lena Vogt – eine immense, vielschichtige und literarisch bildstarke Textmenge. Fürs Zählen der wenigen Versprecher braucht man keine ganze Hand. Applaus dafür! Aber insgesamt bleibt das Stück stumm. Es springt dich nicht an. Dabei müsste es das. Isas Leben als aus der Jugendpsychiatrie geflüchtete Obdachlose, die allen „normalen“ Regeln trotzt, nur noch unter freiem Himmel schläft, barfuß unterwegs ist – dieses Leben, von dem sie ununterbrochen erzählt, steckt so voller erstaunlicher, erschreckender, verstörender Erlebnisse und Gedanken, dass man eigentlich hineingesogen werden müsste in diesen Abgrund.

Aber Lena Vogt, die zuletzt ihre Rolle in Camus‘ „Das Missverständnis“ so intensiv interpretierte, ist hier seltsam eindimensional. Wenn sie beispielsweise blutet, wegen ihrer Menstruation oder wegen einer Verletzung, bleibt es nur Theaterblut. Und wenn sie erzählt, wie sie tagelang mit zerschnittenen Füßen gehen musste, weil sie bei einem Einbruch nicht auf die zerschlagene Fensterscheibe geachtet hat, dann erzählt sie davon. Selten saugt sich das Auge an einem der Bilder dieser Text-Inszenierung fest: Wenn Isa dem Mann die Bewegungen eines Weberknechtes auf ihrer Schulter schildert und sich passend dazu spinnenartig auf der Bühne bewegt – das ist so ein starker Moment.

Oder ihre übersteigerte Schilderung eines möglichen Lebens als treue Ehe- und Hausfrau, die staubsaugend und sehnsüchtig die Rückkehr des Soldatengatten aus dem Afghanistan-Einsatz erwartet: Da ist Lena Vogt eine wahre Komödiantin. Aber wenn Isa berichtet, dass sie schon mit fünf Jahren gewusst habe, wie sie sich umbringen will (müde von Schlaftabletten am Rand eines Hochhausdaches sitzend und wartend auf den Fall in die Tiefe) – das müsste Gänsehaut geben. Tut es aber nicht.

Und Alexander Peiler? Schon als nur „ein Mann“ und angesichts der Textmenge, die Isa hat, muss er Beiwerk bleiben. Wenn er für Isa als Flussschiffskapitän seine schräg-tragikomische Vergangenheit als gescheiterter Bankräuber wieder aufleben lässt, hat er eine seiner längsten Passagen.

Ganz kurz vor Schluss, als Isa und der Mann im ideal inszenierten Licht der quasi leeren Bühne (das Licht in diesem Stück setzt ohnehin starke Akzente) weit voneinander entfernt sitzen – da hat Peiler (und mit ihm die Inszenierung) einen großen Augenblick: Er schildert seine Jugendliebe, an die ihn Isa erinnert – und das Bild des für ihn für immer unvergesslichen Sandweges zum Haus dieses Mädchens. Da wird spürbar, was Bilder des echten Lebens sein können.

Wenig später endet das Stück. Offen und unvollendet – wie seine Fragmentvorlage. Unter einem großartig lichtinszenierten Sternenzelt. Für die Reaktion des Premierenpublikums ist die Bezeichnung „höflicher Applaus“ passend.

Einen echten Anker im Herzen werfen diese „Bilder deiner großen Liebe“ nicht. Leider.