Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Lassen Sie uns schruzen!

Wuppertal · Früher waren die zwei großen „G“ auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein und Grog. Die wurden jetzt ersetzt durch Geimpfte und Genesene, die für den Konsum der zwei ursprünglichen G erstmal drei Semester Jura und Vermessungstechnik studieren müssen, um sich im öffentlichen Weihnachtsmarktraum Corona-regelkonform bewegen zu können.

 Roderich Trapp.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Denn wann man auf dem 2G-Weihnachtsmarkt und wann nur in der 0G-Stadt ist, lässt sich ja relativ schlecht unterscheiden. Ein Bommel, der da unkonzentriert vor sich hinbummelt, kann schnell unbemerkt von einem ins Andere geraten und kommt dann ungeimpft womöglich ins G wie Gefängnis..

Apropos Bummeln: Erst vorgestern erreichte mich zu diesem Thema eine Zuschrift von Leserin Heidemarie Koch, die auf dem Weg zur Bushaltestelle eine Nachbarin traf und sie fragte, ob sie zum Einkaufen in die Stadt wolle. Antwort: „Nein, ich gehe mit meiner Schwester shoppen.“ Etwas genervt von den ständigen Anglizismen korrigierte sie: „Ihr geht einkaufen“ – „Nein, wir gehen shoppen, wir wollen gar nichts kaufen, nur gucken, vielleicht kaufen wir dann doch etwas.“ – Dann macht Ihr einen Schaufensterbummel?“ – „Nein, wir gehen shoppen.“

In diesem Zusammenhang fiel Frau Koch ein, dass ihre Mutter und ihre Schwestern in den 50er und 60er Jahren auch mit der Zielrichtung in die Stadt gingen, nur zu bummeln und zu gucken. Sie nannten das dann „schruzen“: „Komm, wir gehen in die Stadt, schruzen“ – das habe ich mein Lebtach noch nicht gehört. Und Frau Koch außer ganz früher zu Hause auch nicht. Jetzt fragt sie sich, ob es das Wort im Wuppertaler Sprachgebrauch überhaupt gibt oder es quasi eine Schöpfung ihrer Familie ist. Importiert sein kann es jedenfalls nicht, die Familie stammt ursprünglich vom Hofkamp und lebte nach dem Krieg in der Nordstadt.

Vielleicht können die Rundschau- Leser da ja weiterhelfen. Wobei ich ansonsten absolut dafür wäre, das Wort einzuführen, nur mit einer anderen Bedeutung. Denn es klingt irgendwie ganz speziell. Mit seiner mergelnd-knarzigen Lautlichkeit strahlt es einen gewissen Missmut aus, der durch den warmen Vokal noch das Vibrato brummiger Übellaunigkeit verströmt. „Schruzen“ könnte also zum Wuppertaler Universal-Ausdruck für die Unzufriedenheit mit widrigen Verhältnissen werden, von denen wir ja permanent umgeben sind. „Wat schruzen die sich da einen zurecht mitte Weihnachtsmarkt-Regeln“ klingt doch absolut überzeugend. Oder: „Dat Geschruze vonne Impfgegner kann ich nich mehr hören“ – perfekt! Und natürlich: „Wenn die Birnemänner hier jetzt auch noch die BUGA kaputt schruzen, dann wandere ich aus nach Erfurt. Da isse schon fettich und alles schön.“ Wunderbar, „schruzen“ kaufe ich auf jeden Fall. Zur Not auch mit 2G auf dem Weihnachtsmarkt ...

Bis die Tage!

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