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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: „Wetten, dass ...?“ 2071

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : „Wetten, dass ...?“ 2071

In Zeiten wie diesen, wo ein Händedruck zur Begrüßung schon eine Art Nahtoderfahrung ist, sehnen sich die Menschen offensichtlich nach etwas Altvertrautem, an dem sie sich festhalten können. Anders ist nicht zu erklären, dass das ZDF vorigen Samstag noch einmal auf den TV-Friedhof gegangen ist, Thomas Gottschalk exhumiert und ihn auf die „Wetten, dass ...?“-Bühne gestellt hat.

Die Einschaltquote war ähnlich hoch wie der Erregungslevel im Netz angesichts der anzüglichen Sprüche des Showmasters, der in ringelgelockter Fröhlichkeit den jahrzehntelangen Kampf um political correctness im Fernsehen locker wegmoderierte. Wegen der guten Zuschauerresonanz wird das eigentlich nur als einmaliges Comeback geplante „Wetten, dass ...?“ jetzt so lange weiter laufen, bis Gottschalk sich nicht mehr daran erinnern kann, ob er eigentlich Gast oder Gastgeber ist, sofern ihm Michelle Hunziker das nicht vorsagt.

Dem Vernehmen nach arbeitet die ARD auch gerade daran, das mäßig heitere Beruferaten „Was bin ich?“ wieder aufzuwärmen, das Robert Lembke 337 Folgen lang der Nachkriegsgeneration als Schlafmittel verabreichte. Der Plan gestaltet sich allerdings schwierig, weil es keine Fünf-Mark-Stücke mehr gibt, die bei falschen Antworten ins Schweinderl geworfen werden können ...

Als „Was bin ich?“ lief, war das Klima in Deutschland übrigens besser als heute, obwohl im Fernsehen noch permanent geraucht wurde. Jetzt haben wir ja globale Erwärmung, die auch Wuppertal treffen wird. Im Umweltausschuss hat der Deutsche Wetterdienst vorgerechnet, was das bedeutet. Wir bekommen zum Beispiel schon in ungefähr zehn Jahren doppelt so viele Sommertage mit Temperaturen über 25 Grad. In 40 Jahren gibt es dann schon 76 heiße Tage im Jahr, in denen statt Wasser im Wupperflussbett vor allem Schweiß von der Stirn der Menschen fließt. Das sind tolle Nachrichten, weil wir dann beim Verhungern wegen der Ernteausfälle wenigstens gutes Wetter haben.

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Um uns Wuppertalern diese einmalige Chance auf etwas mehr Sonnenschein nicht zu nehmen, hat sich Deutschland bei der Weltklimakonferenz in Glasgow dankenswerterweise erfolgreich gegen wesentliche Initiativen zur Reduktion der CO2-Emmissionen gestemmt. Das ist auch deshalb vernünftig, weil die von den Klimaveränderungen betroffene Generation im Jahr 2071 sowieso nur noch in der virtuellen Welt des Metaverse leben und nicht mehr vor die Tür gehen wird.

Meta ist bekanntlich der neue Name von Mark Zuckerbergs Facebook-Imperium. Den hat er gut gewählt. Meta ist nämlich nicht nur ein altmodischer Mädchenname, der aus gutem Grund zu den wenigen gehört, die gerade nicht wieder modern geworden sind. Meta bezeichnet vielmehr auch eine Gattung der echten Webspinnen – und wenn jemand eine echte Spinne im World Wide Web ist, dann ja wohl Datensammler Zuckerberg, der mehr über uns weiß als wir selbst.

Letztes Überbleibsel der analogen Welt wird Thomas Gottschalk sein, der 2071 mit 120 Jahren die 500. Folge von „Wetten, dass ..? im Tiefbunker am Döppersberg präsentiert, während draußen das Schwebebahngerüst in der Sonne schmilzt. Wenn Sie jetzt einwenden „So ein ein Blödsinn, kein Mensch wird 120“, dann muss ich das relativieren. Denn ein Kollege telefonierte am Donnerstag wegen eines möglichen Corona-Kontaktes mit dem Wuppertaler Gesundheitsamt.

Da gab es dann erfreulicherweise Entwarnung, aber doch eine kritische Rückfrage der Behörde. Die bezog sich auf den Geburtstag des Kollegen, der die Dame am anderen Ende in Erstaunen versetzte und gewisse Zweifel im Hinblick auf die digitale Modellkommune aufkommen lassen könnte. Denn: „Laut unserer Unterlagen sind Sie 120 Jahre alt ...“

Vielleicht sollte die Stadt mal bei Meta nachfragen. Die wissen das bestimmt besser ...

Bis die Tage!