Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Döppersberg-Drama

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Döppersberg-Drama

Google Maps kennen Sie sicher. Das ist das weltweit führende Landkarten-Internetportal, mit dem man per Computer an so ziemlich jede Stelle der Welt reisen kann, die man immer schon mal nicht sehen wollte.

Das ist gelegentlich aber doch auch ganz praktisch, wenn man zum Beispiel überprüfen möchte, ob das laut Katalog "verkehrsgünstig" gelegene Urlaubshotel möglicherweise an einer 18-spurigen Autobahn oder direkt neben einem Bordell steht.

Dazu muss man nur das kleine gelbe Männchen unten auf dem Bildschirm an die entsprechende Stelle der Landkarte ziehen und damit den Dienst Google Street View aktivieren. Man bekommt dann beeindruckende interaktive 360-Grad-Fotos der Umgebung angezeigt und kann damit quasi virtuell durch die Gegend spazieren.

In Deutschland ist das kleine gelbe Männchen allerdings eine Art Zeitreisender, weil die Aufnahmen dafür 2008 gemacht und nie mehr erneuert wurden — und das hat für Wuppertal fatale Folgen: In Google Maps sind zwar die Straßenverläufe nach dem Döppersberg-Umbau ordnungsgemäß eingezeichnet. Zieht man aber das Männchen darauf, fällt es in ein tiefes Zeitloch und taucht zehn Jahre früher am alten Döppersberg wieder auf!

Für uns Wuppertaler ist das ein nostalgisches Erlebnis, bei dem einem ziemlich schnell klar wird, dass der Döppersberg-Umbau vielleicht doch keine so ganz schlechte Idee war. Für Auswärtige, die mal schnell einen Blick auf das Zentrum der siebzehntgrößten Stadt in Deutschland werfen wollen, dürfte es allerdings eher ein Schock sein.

"Habe ich was Falsches eingegeben? Gibt es auch ein Wuppertal in Ost-Bulgarien?", wird sich der unbedarfte User fragen, der den 360-Grad-Blick über das Kreuzungswirrwarr am Brausenwerth, die rostige Busrampe an der Bundesallee oder den in dezentem Stasi-Braungrau gehaltenen Bahnhofs-Vorbau aus den 50er Jahren schweifen lässt.

Erschwerend kommt hinzu, dass aus unerfindlichen Gründen der Hauptbahnhof selbst vor zehn Jahren nicht aufgenommen wurde. Vielleicht hat der Fahrer des Kamerawagens damals wegen des bestürzenden Anblicks vor Schreck das Lenkrad verrissen. Das schlimmste daran: Damit fehlt ausgerechnet auch noch der Brathähnchenwagen, der über Jahre hinweg direkt vor der Bahnhofstür das zentrale Element der touristischen Willkommenskultur Wuppertals war.

Nun ist es leider auch so, dass Google nicht vorhat, das Bildmaterial irgendwann zu erneuern. Unser Tor zur City wird damit in der Street-View-Welt bis zum jüngsten Internet-Tag in seiner potthässlichen digitalen Vergangenheit gefangen bleiben.

Zu diesem zeitlichen Paradoxon passt auch, dass es schon vier Bewertungen zum noch gar nicht eröffneten Primark gibt. Er bekommt immerhin 2,5 von 5 möglichen Punkten. Eine Bewertung von heute für einen Laden von morgen auf einem Portal von gestern — über solche Verwicklungen wurden schon vorgestern in der Antike große Dramen geschrieben ...

Bis die Tage!

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