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Kommentar zur Antragshäufung für den "Kleinen Waffenschein": Nachdenken hilft gegen Hysterie

Kommentar zur Antragshäufung für den "Kleinen Waffenschein" : Nachdenken hilft gegen Hysterie

Wuppertals Polizeiführung hat in jüngster Vergangenheit nicht allzu oft geglänzt. Die Kritik vor allem im Zusammenhang mit Einsatzverhalten und Ermittlungsarbeit angesichts rechtsextremer Straftaten war (und bleibt) laut.

Jetzt aber ist Polizeipräsidentin Birgitta Radermacher nicht der Hauch eines Vorwurfes zu machen.

Wenn die Zahl der Anträge für "Kleine Waffenscheine" signifikant nach oben schnellt, ist es ausgesprochen klug, die "Zwischenzeit" der Antragsbearbeitung zu nutzen, um das Thema im (schriftlichen) Dialog nochmals zu vertiefen.

Vielen Antragstellern mag das nicht gefallen. Die Wuppertalerin, die der Rundschau das "Warteschleifen-Schreiben" der Polizei-Chefin hat zukommen lassen, gab sich sogar zutiefst entrüstet.

Warum eigentlich? Keinem einzigen Satz, den die Polizeipräsidentin in ihrem Brief schreibt, kann widersprochen werden. Bewaffnung — egal welcher Art — entspannt Problemsituationen nicht, sondern macht sie noch gefährlicher. Es ist sehr sinnvoll, eindeutig darauf hinzuweisen, wie eng die deutschen Gesetze den Spielraum für das Mitführen und erst recht für den Einsatz von Waffen machen.

Allen, die jetzt unter dem Eindruck der Flüchtlings-"Krise" und der Kölner Ereignisse glauben, per Waffe für ihre eigene oder die Sicherheit anderer sorgen zu müssen, sollte klar sein, dass Situationen für einen legalen Waffeneinsatz so gut wie nie vorkommen. Wichtig in diesem Zusammenhang der Hinweis aus der Pressestelle der Wuppertaler Polizei, dass, wer eine Schreckschusswaffe beispielsweise bei einer Silvester-Großveranstaltung wie am Kölner Hauptbahnhof dabei hat, schon mit mehr als einem Bein in der Illegalität steht.

Der "Run" in Sachen Selbstbewaffnung sowie der Ruf nach "Bürgerwehren" machen aber etwas ganz anderes deutlich: Beim Thema Flüchtlinge hat ein Teil der Bevölkerung den Bezug zur Realität verloren.

Vernünftig beleuchtete Hintergründe und die Einordnung von hochgeputschten Zahlen — das wird gebraucht. In diesem Zusammenhang für Nachdenkpausen und Zeit zum Durchatmen zu sorgen — wie es der Brief von Polizeipräsidentin Radermacher versucht — wäre an ganz vielen Stellen dringend nötig.

Ich möchte in keinem Land leben, in dem Kerle (egal, woher sie stammen) Frauen sexuell angehen. Ich möchte aber ebenso wenig in einem Land leben, in dem irgendwelche Leute, von denen ich es noch nicht einmal weiß, (schreckschuss-)bewaffnet sind. Mit täuschend echt aussehenden Waffen — und völlig unerfahren im Umgang mit Höchststress-Ereignissen. Und nichts anderes als Höchststress bedeutet eine Lage, in der man auf die Idee käme, eine Waffe benutzen zu wollen.

Für Sicherheit sorgt man durch Miteinanderreden und Zuhören, durch den Abbau von Hysterie, durch ehrlichen Umgang. Im Zusammenhang mit Köln & Co. haben sich Behörden und Medien dabei nicht immer mit Ruhm bekleckert. Als Folge dessen ist an vielen Fronten allerdings einfach der Spieß umgedreht worden. Besonders deutlich hat das der 20-jährige syrische Flüchtling Hussein Shahin auf den Punkt gebracht, über den die Rundschau am 9. März berichtete. Er sagt: "Die Medien laufen fast alle nur in eine Richtung, immer geht es um die Angst vor Flüchtlingen."

Für diese Angst gibt es keinen wirklichen Grund. Darüber muss man reden. Dafür braucht man Zeit. Deswegen ist es klug, "Denkpausen" zu machen. Die Polizeipräsidentin hat um eine gebeten. Es sollten ihr möglichst viele zuhören.