Kommentar zum Wuppertaler Tanztheater und der Affäre Binder

Kommentar zum Wuppertaler Tanztheater : Wer heilt jetzt diese Wunden?

Es hört nicht auf. Und es nimmt immer neue Dimensionen an. Nach dem erneut (krachend) gescheiterten Kündigungsversuch von Noch-Immer-Intendantin Adolphe Binder hat Wuppertal zurzeit zwei Tanztheater-Chefinnen. Wie sich dieser Knoten lösen lässt? Wahrscheinlich mit (viel) Geld und (hoffentlich) guten Worten.

Ich habe nach dem WDR-Film über die Rolle des PR-Beraters Bieger, der als Informations-Überbringer an die Presse offenbar im Auftrag von ganz oben handelte, und nach dem Landesarbeitsgerichtsprozess mit vielen Leuten gesprochen. Ein scharfes Bild? Noch immer nicht.

Wieso hat man einen Fünf-Jahres-Vertrag mit Binder gemacht, der quasi unkündbar ist? Wo überall bei öffentlichen Stellenausschreibungen akribisch ein pingeliges Punktesystem abgearbeitet wird, und für „außer der Reihe“ nicht der Hauch einer Chance ist, geht so etwas hier plötzlich? Wenn den Menschen dieser Stadt, die letztlich die Kosten für Gerichte, Anwälte und jahrelange Gehaltsweiterzahlungen tragen, nicht gesagt wird, dass das bei Chefpositionen „normal“ ist, entsteht Vertrauensverlust.

Wer hat der Stadt geraten, mit der vorhandenen „Munition“ eine fristlose Kündigung gegen Adolphe Binder zu starten? Zwei Arbeitsgerichte haben der Stadt diese Kündigung um die Ohren gehauen. Nichts daran hält stand.

Hat es ein Hinterzimmer-Gremium (der Landesarbeitsrichter sprach von „Geheimdiplomatie“) gegeben, in dem man die Diskreditierung Adolphe Binders betrieb? Offensichtlich. Wer war wirklich mit dabei in diesem Hinterzimmer? Die Namen, die genannt werden, sind „nicht ohne“: Mit dem überaus mächtigen Johannes Slawig, der den Bereich Personal und die Steuerung der Stadt-Töchter (wie das Tanztheater eine ist) verantwortet, und dem zuletzt immer wieder unglücklich agierenden Matthias Nocke stehen gleich zwei (CDU-)Dezernenten (sowie mit Nocke der Wuppertaler CDU-Chef) in Rede. Wird die von einem entrüsteten Oberbürgermeister angekündigte Untersuchung Licht bringen? Und wenn ja, wird sie – angesichts der Macht- und Interessenverhältnisse in Rathaus und Politik, wo man auf die OB-Wahl im Herbst 2020 schaut – echte Konsequenzen haben? Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.

Es gab große Probleme zwischen Adolphe Binder und der Tanztheater-Verwaltung. Das darf nicht unter den Tisch fallen. Das Tanztheater sind eben nicht die Tänzer ganz allein. Und auch in deren Reihen gibt es unterschiedliche Auffassungen zum Thema Binder. Zur „Loswerdung“ der Intendantin dann allerdings so zu agieren, wie es geschah, macht sprachlos.

Wer berät die, die hier gehandelt haben? Offenbar niemand. Zu lange wurde gewartet, unterm Deckel gehalten. Um Konflikte zu lösen, braucht es Offenheit, Ehrlichkeit, Gespräche auf Augenhöhe, viel Fingerspitzengefühl. Nichts davon gab es hier.

Oder nehmen wir die Anzeige gegen Unbekannt wegen angeblichen Geheimnisverrates. Wenn die Darstellungen des Ulrich Bieger gegenüber WDR und Süddeutscher Zeitung zutreffen, fragt man sich: Ist es nicht Irreführung der Justiz, eine solche Anzeige zu stellen, wenn der Unbekannte gar keiner ist? Jedenfalls aber Belästigung der Justiz, deren Ermittlungsbehörden Besseres zu tun haben, als in künstlichem Nebel zu stochern?

Für mich stand immer und steht jetzt erst recht steht fest: Die in unserer Redaktion nicht unumstrittene (und dann juristisch heftig attackierte) Entscheidung, als große Ausnahme journalistischen Handels einen Informanten zu nennen, war der richtige Weg. Anders wäre nicht ans Licht gekommen, was sich jetzt abzeichnet.

Das Tanztheater hat die große Aufgabe, das weltweit bedeutende Werk Pina Bauschs lebendig zu erhalten und es zeitgemäß in die Zukunft zu führen. Was jetzt passiert (ist), behindert diese Aufgabe, bremst das Tanztheater, lähmt es im schlimmsten Fall. Die Menschen, die hierfür die Verantwortung tragen, haben Wuppertal schweren Schaden zugefügt.

Ich sehne mich nach (personellen) Konsequenzen aus dieser üblen Sache. Vor allem aber wünsche ich mir von Herzen, dass man jetzt die Größe hat, all diese Wunden zu heilen.

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