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Die zweite Welle ginge in die Hose

Kommentar zur Corona-Lage : Die zweite Welle ginge in die Hose

Zu Beginn die alles entscheidende Frage: Wie steht es um Ihren Toilettenpapier-Vorrat? In Ordnung? Falls sich noch jemand erinnert: Vor drei Monaten war das die alles entscheidende Frage in diesem Land. Es mutet inzwischen an wie eine Episode aus der Vergangenheit. Auch Nudeln, Mehl und Zucker gibt es wieder. Der kulinarische Untergang konnte soeben noch abgewendet werden.

Dennoch hat sich die Lage gewandelt. Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich die Einstellung einiger Menschen in Windeseile verändert hat, obwohl Covid-19 alles andere als aus der Welt ist. Nur noch jeder Vierte hat Angst, sich anzustecken. Vielleicht waren die Maßnahmen doch nicht ganz so falsch, ist das Gesundheitssystem (bei allen Schwächen) insgesamt im weltweiten Vergleich zumindest ordentlich. Trotzdem kommt es immer öfter in Geschäften und andernorts zu Szenen, in denen Kundinnen und Kunden sich weigern, die Schutzmasken aufzuziehen und stattdessen die Angestellten beleidigen. Wir halten zusammen? Gemeinsam sind wir stark? Unterstützung für die systemrelevanten Berufsgruppen? Es bröckelt.

Um nicht missverstanden zu werden: Dass Menschen, die massiv um ihre Existenzgrundlage bangen, bedient sind, ist absolut verständlich. Ebenso Eltern, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Gastronome und viele andere, denen entweder (zu) spät geholfen wurde oder nur wenig ausreichend. Ihre konstruktive Kritik ist richtig und wichtig. Renitente Rentnerinnen und Rentner, provozierende Heranwachsende und andere (es zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten) sind dagegen Ausdruck einer Gesellschaft, in der immer mehr glauben, dass nur ihre Meinung die richtige ist. Kein Wunder, lassen sich für jede noch so drollige Aussage Bestätigungs-Likes erhaschen. Besonders ärgerlich sind allerdings diejenigen, die alles besser wissen beziehungsweise gewusst haben. Respekt! Um es noch einmal deutlich zu sagen: Eine Pandemie gab in dieser Form es noch nicht, folglich auch nicht entsprechend vorbereitete Maßnahmen. Und so derart scharfe Restriktionen wie etwa in Italien oder Spanien, wo die Menschen viel härter unter den Auflagen zu leiden hatten, gab es hier nicht. Brasilien, die USA und Großbritannien wären froh, wenn ihre Lage wie in Deutschland wäre.

Es ist und bleibt ein Lernprozess – bis ein Impfstoff gefunden ist. Übrigens auch für die Wissenschaft, die hierzulande gottlob ihre Erkenntnisse den neuesten Forschungsergebnissen anpassen darf und das auch macht. Die von manchem geforderte „Herdenimmunität“ hat übrigens in Großbritannien und Schweden in der Praxis nicht wirklich funktioniert.

Wichtig ist der Blick nach vorne. Etwa mit der Erkenntnis, aus den zu Tage getretenen Problemen zu lernen. Zum Beispiel daraus, dass der Föderalismus der Bundesrepublik sich durchaus bewährt hat, in einer solchen Krise aber täglich von Bundesland zu Bundesland oder von Kommune zu Kommune sich ändernde Verordnungen vor allem Durcheinander und Unverständnis schaffen. Sinnvoll wäre für diese Fälle die Zuständigkeit per Bundesseuchengesetz, das dann regional, aber eben einheitlich angewendet wird.

Bis dahin kann jeder ganz einfach mithelfen: durch Hygiene, durch Abstand und vor allem durch respektvolles Miteinander. Da ist anstrengend, aber besser als eine zweite Welle, die derart in die Hose gehen kann, dass auch Klopapierberge nicht mehr helfen. Noch sieht die Mehrheit das gottlob offenbar auch so.