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Stefan Raue: Ein Wuppertaler leitet das Deutschlandradio

Top Wuppertal : Stefan Raue: Ein Wuppertaler leitet das Deutschlandradio

Stefan Raue, Intendant des Senders Deutschlandradio, war in der Theater AG des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums für die Kulissen zuständig.

Als Stefan Raue am 1. September 2017 das Büro des Intendanten von Deutschlandradio am Raderberggürtel in Köln bezog, wunderte er sich beim Blick aus dem Fenster im siebten Stock: „Hat der Kölner Dom nur noch einen Turm?“ Es war die besondere Perspektive, die das vermuten ließ. Mittlerweile hat sich der 1958 in der Landesfrauenklinik in Wuppertal geborene studierte Historiker an diese Aussicht gewöhnt.

Die Intendanz des Senders mit zwei Standorten in Berlin und Köln und den drei Programmen Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova ist der bisherige Höhepunkt einer bemerkenswerten Karriere: Unter anderem war Raue 15 Jahre beim ZDF (von 1995 bis 2011) in den Positionen als stellvertretender Leiter der Redaktion „heute“, Redaktionsleiter „Blickpunkt und politische Sonderprojekte“ sowie jeweils stellvertretender Leiter der Hauptredaktionen Innenpolitik, Politik und Zeitgeschehen. Bevor er zum Intendanten gewählt wurde, arbeitete er von 2011 bis 2017 als trimedialer Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), war also verantwortlich für Fernsehen, Rundfunk und Online-Angebote. Das erklärt auch seinen Wohnort Leipzig: „Unsere beiden Kinder sollen dort ihre Schule abschließen.“ Stefan Raues Ehefrau stammt aus München. Wohnortwechsel von Berlin über Wiesbaden und Frankfurt nach Leipzig waren berufsbedingt keine Seltenheiten.

Dass seine Heimatstadt Wuppertal dem weitgereisten Medienmann viel bedeutet, war deutlich zu erkennen, als im August 2019 bei Deutschlandfunk Kultur die Nr. 1.254 und letzte Sendung „Deutschlandrundfahrt“ lief: Beim Gang vom heimischen Briller Viertel zum Wilhelm Dörpfeld-Gymnasium (WDG) am Johannisberg beeindruckte Raue die Moderatorin Gisela Steinhauer mit seinem Detailwissen über Wuppertal. „Ich bin schließlich Historiker“, betonte er. Einer besonderen Vorbereitung auf die Sendung habe es deshalb nicht bedurft. „In Wuppertal roch es früher manchmal nach Hopfen und Malz von den Brauereien Wicküler und Bremme“, erinnert er sich beim Interview mit „seinem“ Sender. Der Link zur Sendung von damals: hier klicken!

„Klopapier-Attentat“ auf Pallas Athene

Stefan Raues aus Berlin stammender verstorbener Vater arbeitete bei der Bauberufsgenossenschaft, die Familie mit drei Kindern wohnte in fußläufiger Entfernung von der Wirkungsstätte. Nach der Grundschule Distelbeck ging es für Sohn Stefan zum WDG. „Im vergangenen Jahr hat sich unsere Klasse wieder getroffen. Alle haben sich sofort erkannt. Es war ein total schöner Abend und wir haben nicht nur alte Kamellen aufgewärmt“, schwärmt er. Selbst das „Klopapier-Attentat“ auf die Statue der Pallas Athene von Arno Breker neben dem WDG wurde ausgelassen. Das kulturelle Interesse des Stefan Raue erhielt während der Schulzeit allerdings einen Dämpfer: In der Theater-AG befand der Lehrer, mit dieser Stimme reiche es allemal zum Kulissenbauen. Bekümmert nahm der Schüler dieses Schicksal aber an.

Unterwegs in der alten Heimat an der Roonstraße: Stefan Raue und WDR-Moderatorin Gisela Steinhauer. Foto: Nicolas Hansen

Nach dem Abitur im Jahr 1977 studierte er in Freiburg und Bielefeld Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Den Weg zum Journalismus fand er erst 1986 mit einem Volontariat beim Bund-Verlag, dann bei der WAZ und beim WDR. In Wuppertal hat er bei Bayer in Elberfeld und bei Vorwerk in Laaken zwischendurch am Band gejobbt. Besondere Lebensnähe erlebte er auch in seiner Zeit als Taxifahrer: „Ich bin nur nachts gefahren. Es gab damals noch etliche Nachtlokale wie die ‚Libelle‘ und auch Läden auf der Gathe“, erinnert sich Stefan Raue an diese Zeit.

Der Intendant an seinem Schreibtisch im Kölner Medienhaus. Foto: Klaus-Jörg Tuchel

Ein anhängliches Verhältnis pflegt er bis heute zum WSV. Mit seinen WDG-Kumpels war die Kurve in Richtung Nebenplatz auf der anderen Seite der Stadion-Gaststätte sein Stammplatz, in der Nähe der Bude von Bratwurst Müller. In lebhafter Erinnerung ist ihm das letzte Heimspiel der ersten Bundesliga-Saison 1972/73 geblieben: An diesem 9. Juni 1973 verlor der WSV gegen Hannover 96 mit 0:4. Es reichte aber immer noch zur Qualifikation für den UEFA-Cup – wo der WSV allerdings in der ersten Runde gegen Ruch Königshütte aus Polen ausschied. „Bei einem Sieg des WSV und anderen Ergebnissen der Konkurrenz wäre aber auch noch der zweite Platz und damit die Vizemeisterschaft möglich gewesen“, ist ihm im Gedächtnis geblieben. Noch heute hat Raue eine WSV-App auf seinem Handy – und an der Spendenaktion in dieser Saison hat er sich aus alter Zuneigung auch beteiligt. Sorgsam hütet er den Fan-Schal vom DFB-Pokal-Achtelfinale 2008 in der Schalke-Arena gegen Bayern München (2:5). Ein Geschenk von Freunden.

Sport betreibt er selbst recht intensiv, regelmäßig absolviert er Zehn-Kilometer- oder Halbmarathon-Läufe. „Unter zwei Stunden“, berichtet er von den Zeiten. Den kompletten Marathon meidet der 1,92 Meter große Läufer aber: „Ab 25 Kilometer machen die Knie nicht mehr mit.“

Treppen – typisch Wuppertal: Gisela Steinhauer und Stefan Raue an den Stufen zwischen Nützenberger und Roonstraße. Foto: Nicolas Hansen

Es sind nicht nur das Klassentreffen und die WSV-App, die ihn mit seiner Heimatstadt verbinden: „Meine Mutter und meine Schwester wohnen noch in Wuppertal. Von Köln aus bin ich schneller bei ihnen als aus Leipzig.“ Mutter Angela ist 84 Jahre alt, sie war jahrelang die Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbandes, der Grüne Hügel in Bayreuth ist immer noch ihr zweites Zuhause. Dort traf sie den legendären Bariton Dietrich Fischer-Dieskau zu Beginn seiner Karriere rauchend am Bühneneingang und war entsetzt. Unverändert besucht sie mit Begeisterung die Opernhäuser in Wuppertal, Essen, Düsseldorf, Köln und Dortmund. Ihre badische Großmutter Else Ruf war Opernsängerin, ihr Großvater Musikdirektor. Bei Stefan Raue steht ein Flügel aus dem Wuppertaler Elternhaus inder Leipziger Wohnung. Schwester Nicole wohnt am Ölberg, seinen Bruder Gerrit hat es nach Straubing verschlagen.

90 Prozent Managertätigkeiten

Das Leben des besonnen und zurückhaltend auftretenden Chefs von rund 700 Deutschlandradio-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern hat sich mit der Wahl zum Intendanten fast vollständig verändert: „Die Arbeit als Journalist macht jetzt noch bestenfalls zehn Prozent aus. 90 Prozent der Arbeit sind Managertätigkeiten.“ Auch sonst sind die Zeiten für die Medienbran Medienbranche nicht einfach. Unmittelbar nach dem Besuch des Top Magazins hielt Raue die Rede zur Eröffnung des „Tages der offenen Tür“ zum 25-jährigen Jubiläum des Senders, der in einem markanten Hochhaus im Kölner Süden beheimatet ist. Dort arbeiten mit Stefan Koldehoff und Jan Drees im Kultur- beziehungsweise Literatur-Ressort übrigens Redakteure mit Wuppertaler Wurzeln.

Ob die Berufung zum Intendanten für Stefan Raue eine Art Traumerfüllung war oder ob er diese Spitzenposition vorher schon „auf dem Radar“ hatte? Raue verneint und sagt: „Mein Traum war eine Berufung zum Chefredakteur. An eine Tätigkeit als Intendant habe ich keine Sekunde gedacht.“

Ein Herz für den WSV – immer noch! Foto: Klaus-Joerg Tuchel