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Wuppertaler Proxiboxer Gualtieri arbeitet weiter auf den DM-Titel hin

Boxen : Gualtieri arbeitet weiter auf den DM-Titel hin

Seit September 2018 boxt der Wuppertaler Vincenzo Gualtieri für „AGON Sports & Events“, den Berliner Profistall, der sich in den vergangenen drei Jahren unter den deutschen Top-Boxställen etabliert hat. Bei einer Gala am 21. März in der Wuppertaler Bayer-Halle sollte der 27-Jährige um die deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht gegen den Hamburger Alexander Pavlov kämpfen. Der Fight platzte wegen der Corona-Pandemie . Im Interview erzählt Gualtieri, wie es für ihn weitergehen soll, wie er sich in Corona-Zeiten fit hält, warum er zu den Profis wechselte und wer ihm seinen Kampfnamen „Il Capo“ gab.

Mit zwölf Jahren haben Sie beim ASV Wuppertal begonnen zu boxen, sind bei den Amateuren zweimal Deutscher Meister geworden, wurden EM-Vierter und mit dem Velberter BC deutscher Mannschaftsmeister. Warum sind Sie trotz erstklassiger Perspektiven bei den Amateuren zu den Profis gewechselt?

Gualtieri: „Der Schweriner Araik Marutjan war damals Vize-Europameister und Dritter in der AIBA Weltrangliste. Deshalb baute der Deutsche Boxverband bei den großen Turnieren auf Araik. An ihm gab es kein Vorbeikommen. Für mich war die Zeit gekommen, meinen Traum vom Profiboxen in die Tat umzusetzen.“

Angefangen haben Sie 2015 bei der Graciano-Rocchigiani-Box-Promotion.

Gualtieri: „Das ist richtig, obwohl ich Graciano wesentlich früher kennen lernte. 2006 eröffnete er in seiner Geburtsstadt Duisburg das ,Rocky’s Gym’, ein Trainingscenter für Amateure und Profis. Mein Vater rief an und vereinbarte ein Probetraining. Ich war damals 13 und musste ihn beeindruckt haben, denn er versprach an mich zu denken, falls er einmal einen Profistall aufmachen würde. Seit diesen Tagen waren Graciano und mein Vater befreundet. 2015 eröffnete er dann in Berlin seine Box-Promotion und hat sein Versprechen eingelöst. Ein Jahr später wurde ich mit ihm internationaler Deutscher Meister der GBA (German Boxing Association). Bei Graciano habe ich auch Björn Schicke kennengelernt. Björn ist seit der Zeit mein Freund und jetzt bei AGON auch einer meiner Stallgefährten.“

Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Gualtieri: „Graciano war einer der großartigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Seit seinem Tod klafft eine große Lücke in mir. Er war mein Freund und Lehrer zugleich. Ich vermisse ihn sehr.“

2017 musste Rocky Insolvenz anmelden.

Gualtieri: „Das war ein Schock. Damit mein Traum vom Profiboxer nicht platzte, brauchte ich dringend eine Möglichkeit, vernünftig weiter trainieren zu können. Die fand ich bei Rüdiger May in Köln. Er betreute mich während dieser harten Zeit. Einmal stand er sogar bei mir in der Ecke. Rüdiger ist ein Sportkamerad, den man sich nicht besser wünschen könnte.“

Wie ging es weiter?

Gualtieri: „André Vogel, ein guter Freund seit meiner Amateurzeit beim ASV Wuppertal, machte AGONs Matchmaker Hagen Döring auf mich aufmerksam. Hagen arrangierte ein Probetraining. Seitdem gehöre ich zum Team.“

… und haben insgesamt 14 Kämpfe bestritten, fünf davon für AGON.

Gualtieri: „Und alle gewonnen! In dem Fight, auf der AGON Box-Gala in Wuppertal, hätte ich die Chance auf meinen ersten größeren Titel gehabt, die deutsche Meisterschaft des BDB (Bund Deutscher Berufsboxer). Ich hätte Björn Schicke beerben können, denn es war sein Titel bis er ihn für seinen Kampf um die EU-Meisterschaft niederlegen musste.“

In Wuppertal hätten Sie im Mittelpunkt gestanden, obwohl Björn und Jack Culcay ihre internationalen Gürtel verteidigen sollten.

Gualtieri: „Das lag zum großen Teil an der Unterstützung durch das ,Audi Zentrum Wuppertal’ und die Sportstadt Wuppertal. Was die im Vorfeld an Unterstützung leisteten, war großartig. Dass ich der Lokalmatador im boxverrückten Wuppertal gewesen wäre, hätte sicherlich auch dazu beigetragen. Aber das zählt nicht mehr, denn Corona vernichtete die wochenlangen Vorbereitungen von uns Boxern, des Teams und auch der Sponsoren. Ich musste das alles erst einmal verarbeiten.“

Was planen Sie für die Zukunft?

Gualtieri: „Unser Ziel ist es immer noch, gegen den Hamburger Alexander Pavlov Deutscher Meister zu werden. Er wäre mein Gegner in Wuppertal gewesen. Der Kampf wird kommen und zwar so schnell wie möglich. Sollte ich gegen ihn gewinnen, dann möchte ich den Titel ein-, zweimal verteidigen. Danach würden wir im Team besprechen, wie es weitergeht.“

Die nächste AGON-Gala ist für den 15. Mai in Berlin geplant.

Gualtieri: „Wir müssen klären, ob wegen Corona eine Veranstaltung an diesem Datum überhaupt noch möglich wäre. Falls ja, dann würden wir versuchen, die Deutsche Meisterschaft an diesem Termin nachzuholen.“

Alle AGON-Boxer sind daheim und halten sich so gut wie möglich fit.

Gualtieri: „Unser Coach Michael Stachewicz hat uns Trainingspläne mitgegeben, die wir täglich abarbeiten. Ich habe richtig Glück, denn Haro Matevosyan (Superweltergewichtler im AGON Team) wohnt eine Etage über mir. Wir gehen gemeinsam laufen oder machen in meinem Wohnzimmer Partnerübungen. Dabei pushen wir uns gegenseitig.“

Woher kommt eigentlich der Name Gualtieri?

Gualtieri: „Der stammt wie meine Eltern aus Italien. Ich wurde zwar in Wuppertal geboren und bin Deutscher, aber ich würde meine italienischen Wurzeln niemals verleugnen.“

Wie sieht‘s beim Fußball aus?

Gualtieri (lacht): „Ich hoffe, ich mache mir jetzt keine Feinde! Bei Welt- und Europameisterschaften bin ich für die ,Squadra Azzurra‘, die italienische Nationalmannschaft. Wenn Italien rausfliegt, dann feuere ich natürlich Deutschland an.“

Ihr Kampfname lautet „Il Capo“ Was bedeutet das?

Gualtieri: „,Il Capo‘ heißt der Chef, gemeint ist der Chef im Ring. Meine Familie hat mir den Namen gegeben.“

Mit einem Klischee über Italien und Deutschland müssen wir noch aufräumen – Autos.

Gualieri: „Die gediegenere Technik und Qualität kommen aus Deutschland. Beim Sportwagendesign hat Italien die Nase vorn.“

Was fehlt Ihnen in diesen Krisenzeiten am meisten?

Gualtieri: „Ganz klar das Boxen. Erst jetzt, wo ich es nicht mehr habe, fällt mir auf, wie sehr ich das Boxen vermisse. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als wieder gemeinsam mit den Jungs zu trainieren. Deshalb müssen wir alle zusammenhalten und die Regeln befolgen, ansonsten wird es ewig dauern bis wir Corona besiegt haben.“