Wuppertaler Lehrerin und Resilienztrainerin Susanne Jütz macht Kinder stark fürs Leben

Wuppertal · Wenn Kinder lernen sollen, mit Konflikten, Frust und Unsicherheit umzugehen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, sie müssten „einfach stärker sein“ – und genau an dieser Stelle setzt die Arbeit von Susanne Jütz an.

Susanne Jütz

Foto: Susanne Jütz

Die Wuppertaler Lehrerin und Resilienztrainerin arbeitet mit Kindern bereits im Vorschulalter daran, innere Stärke, Selbstwirksamkeit und einen gesunden Umgang mit Emotionen zu entwickeln. Ihr Ansatz ist bewusst spielerisch angelegt.

Für Susanne Jütz geht es bei dem Begriff der Resilienz um die Fähigkeit, auch in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben. „Resilienz heißt zu erkennen, worauf ich Einfluss habe und dass ich selbst entscheiden kann, worauf ich meinen Fokus richte“, erklärt sie. Statt sich dauerhaft als Opfer äußerer Umstände zu erleben, sollen Kinder früh lernen, dass sie Gestaltungsspielräume haben. Jütz erlebt gerade im Schulalltag an weiterführenden Schulen, dass solche Glaubenssätze der Hilflosigkeit häufig bereits tief verankert sind. Umso wichtiger sei es, früh anzusetzen, um diesen vorzubeugen. Deshalb arbeitet sie mit ihrem Programm vorwiegend an KiTas und Grundschulen.

Die Idee, sich weiterzubilden und zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Lehrkraft Resilienztrainings anzubieten, entstand während der Corona-Pandemie. Als Sportlehrerin wurde Jütz im Lockdown mit einer Situation konfrontiert, in der ihr klassischer Unterricht kaum noch möglich war. „Mir wurde ein Stück Selbstwirksamkeit entzogen“, sagt sie rückblickend.

Schon im Vorschulalter stellt Jütz den Kindern bereits die zentrale Frage: Wer ist eigentlich der wichtigste Mensch in deinem Leben? Und mit wem verbringst du die meiste Zeit? Die Erkenntnis, dass sie selbst diese Person sind, ist für viele Kinder neu und aktiviert ein frühes Bewusstsein für Selbstfürsorge. Diese kommt auch in Konfliktsituationen zum Tragen, beispielsweise, wenn es um die Frage geht, wie reagiert werden kann, wenn man geärgert wird. Die Inhalte werden altersgerecht vermittelt, wobei Bewegung, Bilder und Rollenspiele von großer Bedeutung sind.

Ideale Bedingungen für die Trainings: Es gibt sehr viel Raum für die Bewegung.

Foto: Susanne Jütz

Jütz arbeitet mit Symbolfiguren und schlüpft selbst in verschiedene Rollen, beispielsweise in ihr Alter Ego des ärgernden Kindes. Beim Thema Streit und Mobbing werden bewusst sowohl Täter- als auch Opferperspektiven einbezogen. Dabei wird thematisiert, dass hinter verletzendem Verhalten oft eigene Motive stehen – etwa der Wunsch, dazuzugehören oder mitzuspielen, ohne zu wissen, wie das auf eine gute Weise gelingen kann. Diese Perspektive eröffnet Raum für Gespräche darüber, wie Gefühle und Bedürfnisse ausgedrückt werden können, ohne anderen zu schaden.

Kinder erleben, wie sich Konflikte anfühlen, wie Abgrenzung funktioniert und ab wann es wichtig ist, sich Hilfe zu holen. Gleichzeitig lernen sie, dass Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Angst erlaubt sind. Statt sie zu unterdrücken, gilt es, sie wahrzunehmen und sich entsprechend zu regulieren – etwa durch Bewegung. „Als Kind habe ich oft mit dem Stuhl gekippelt und wurde dafür getadelt“, erinnert sich Jütz. „Heute weiß ich, dass mein Körper damit Spannung abgebaut hat. Viele Kinder finden über Bewegung erst in ihre innere Balance.“

Solche Bewältigungsstrategien können für jedes Kind individuell unterschiedlich aussehen. Dabei ist lediglich wichtig zu verstehen: Nicht alle Kinder kommen mit den gleichen Voraussetzungen in eine Gruppe. Jedes bringt seinen eigenen „Rucksack“ mit – gefüllt mit Erfahrungen, Sorgen oder Belastungen aus dem Alltag. Manche dieser Rucksäcke sind leichter, andere deutlich schwerer, wie Jütz es beschreibt. Dieses Bild hilft auch den Kindern zu verstehen, warum manche schneller wütend, traurig oder überfordert reagieren als andere. So kann mit mehr Empathie reagiert werden.

„In meiner Arbeit als Lehrerin war es mir früher immer sehr wichtig, dass beispielsweise im Sitzkreis alle still und leise sitzen“, erinnert sich Jütz. „Heute schaue ich mehr auf die einzelnen Bedürfnisse: Wenn jemand mit den Füßen wippt oder halb im Sitzkreis liegt, damit aber niemanden stört und trotzdem aufnahmefähig ist, macht mir das nichts mehr aus. Die Notwendigkeit der Selbstregulation ist nicht zu unterschätzen.“

Jütz versteht ihre Arbeit ausdrücklich als Präventionsprogramm. Auch Eltern werden mit einbezogen, denn eine nachhaltige Wirkung entsteht nur, wenn Inhalte auch im Alltag aufgegriffen werden. Gleichzeitig warnt sie davor, Kindern jede Schwierigkeit abzunehmen. „Selbstwirksamkeitsgefühle entstehen nur, wenn Kinder erleben: Das habe ich aus eigener Kraft geschafft.“

Die Nachfrage nach Jütz‘ Angeboten ist hoch. Viele KiTas buchen ihre Kurse regelmäßig, ergänzt durch Elternabende. Auch Schulen zeigen Interesse an langfristigen Programmen. Ihr Wunsch: Resilienzarbeit fest im Bildungssystem zu verankern, nicht als einmaliges Projekt, sondern kontinuierlich. Es werde nämlich ein Grundstein für eine Kompetenz gelegt, die auch im Erwachsenenleben zentral sei. Viele Erwachsene setzen sich erst im Nachhinein mit seelischen Verletzungen aus ihrer Kindheit auseinander – oft in Therapie, Coaching oder anderen Unterstützungsangeboten, so Jütz.

In ihrer Arbeit denkt sie häufig an ein Zitat von Leon Windscheid: „Viele von uns Erwachsenen müssen in Therapie, weil es die vorherige Generation nicht gemacht hat.“ Oder anders gesagt: Je früher Kinder lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen, desto weniger Erwachsene müssen das später mühsam nachholen.