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90 Jahre Suchthilfe in Wuppertal: „Jeder hat seinen eigenen ,Point of no Return'"

90 Jahre Suchthilfe in Wuppertal : „Jeder hat seinen eigenen ,Point of no Return'"

Als "Trinkerfürsorgestelle" wurde die Suchthilfe der Caritas vor 90 Jahren an der Friedrich-Ebert-Straße eröffnet. Rundschau-Volontärin Hannah Florian nahm das Jubiläum zum Anlass, sich mit Abteilungsleiterin Gabriele Kirchner über die Entwicklung der Wuppertaler Suchthilfe zu unterhalten.

Zum Gespräch bat sie Detlef Kraaz hinzu, der zwar noch keine 90, aber immerhin seit 18 Jahren in der Suchthilfe tätig ist.

Rundschau: Wie kann man sich die Arbeit einer Trinkerfürsorgestelle vor 90 Jahren vorstellen?

Kirchner: Die Trinkerfürsorgestelle der Caritas muss in Wuppertal eine der ersten Anlaufstellen für Menschen mit einer Alkoholproblematik gewesen sein. In der Suchtberatung gibt es keine Nachweise über das damalige Konzept. Beratung und Unterstützung in Form von Gesprächen hat es sicher aber schon damals gegeben.

Kraaz: "Not sehen, Not handeln" ist seit jeher die Aufgabe der Caritas und war es vermutlich auch vor 90 Jahren schon.

Kirchner: Mittlerweile hat sich die Arbeit mit suchtkranken Menschen gravierend verändert. Erst seit 50 Jahren ist Sucht offiziell als Krankheit anerkannt, der Blick auf die Menschen hat sich seitdem grundlegend verändert.

Rundschau: Wie ist denn vorher mit Alkoholismus und Sucht umgegangen worden?

Kirchner: In der Weimarer Republik wurden Alkoholkranke gesellschaftlich ausgegrenzt, in der Zeit des Nationalsozialismus sogar zwangssterilisiert oder getötet. Und noch bis heute hält sich bei vielen das Vorurteil, dass Alkoholismus eine Charakterschwäche sei und willentlich steuerbar. Aber das ist falsch. Sucht ist eine Krankheit.

Rundschau: Wann hat die Caritas angefangen, Suchtkranke zu therapieren?

Kirchner: In unserer Statistik ist dokumentiert, dass 1965 knapp 30 Heilstättenpatienten Suchtberatung in Anspruch genommen haben. Seit 1995 bieten wir Suchttherapie an.

Rundschau: Wie sieht die Arbeit der Suchthilfe heute aus?

Kirchner: Das Angebot ist auf jeden Fall viel differenzierter geworden. Heute betrachten wir die Lebenszusammenhänge der Klienten. Wir haben zum Beispiel Gruppen extra für Frauen, ein Angebot für Menschen, die kurz vor der Rente stehen, wir sind Anlaufstelle für Spielsüchtige und haben eine Angehörigen-Gruppe.

Rundschau: Warum arbeiten Sie mit den Klienten hauptsächlich in Gruppen?

Kirchner: Die Klienten befinden sich in unterschiedlichen Stadien ihrer Sucht, der eine steht noch ganz am Anfang, und verharmlost sein Trinkverhalten. Der andere hat schon eine stationäre Therapie hinter sich und viele Erfahrungen gesammelt. Durch den Austausch können die Klienten ihr Konsumverhalten besser einschätzen.

Kraaz: Oft kommen Klienten zu uns und denken, sie seien alleine mit ihrem Problem. In der Gruppe merken sie, dass es dort Menschen gibt, die sie verstehen.

Rundschau: Über welche Wege kommen Betroffene zu Ihnen?

Kirchner: Früher wurde angenommen, der Mensch muss — salopp gesagt — erst in der Gosse gelegen haben, bevor ihm geholfen werden kann. Das ist nicht so. Jeder hat seinen eignen "Point of no Return", an dem er merkt, dass sich etwas ändern muss. Dann nehmen viele Betroffene telefonisch Kontakt zu uns auf oder kommen einfach in die offene Sprechstunde.

Rundschau: Was gibt es für Anhaltspunkte, wenn ich selbst darüber nachdenke, ob mein Alkoholkonsum noch im Rahmen ist?

Kirchner: Es gibt sechs Diagnosekriterien, von denen drei innerhalb eines Jahres zutreffen müssten. Dazu zählen täglich ein starkes Verlangen nach Alkohol oder auch körperliche Entzugssymptome wie Schwitzen und innere Unruhe. Interessen werden vernachlässigt, stattdessen wird sich lieber mit Freunden getroffen, die auch gerne trinken. Oder der Arzt diagnostiziert eine Fettleber, der Süchtige trinkt aber trotz Schaden einfach weiter.