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Erfahrungen mit einer Missionsgesellschaft : „Noch in keiner Kirche oder Freikirche erlebt“

Erfahrungen mit einer Missionsgesellschaft : „Noch in keiner Kirche oder Freikirche erlebt“

Betr.: „Heute denke ich selbst", Rundschau vom 19. September 2020

Die Beschreibung dessen, was die junge Frau mit dem Pseudonym „Mira“ erlebt hat, ist schlimm, und ich wünsche ihr, dass die Therapie zum Erfolg und zu einem guten Leben führt. Glaubenszweifeln mit Exorzismusversuchen zu begegnen, ist übergriffig und furchtbar.

Was ich merkwürdig finde, ist der Satz: „’Und dann bin ich ausgerechnet in der Sektenhochburg Wuppertal gelandet’, schmunzelt die 30-Jährige mit Blick auf die rund 80 hier heimischen Glaubensgemeinschaften.“ Sie bringen hier ein Zitat aus dem Interview („Sekten-Hochburg Wuppertal“) mit einem eigenen Hinweis („rund 80 hier heimische Glaubensgemeinschaften“) zusammen und rücken dadurch, gewollt oder ungewollt, diese Glaubensgemeinschaften in die Nähe von Sekten, was suggeriert, die von „Mira“ beschriebenen Erfahrungen gehörten auch in die Realität dieser Glaubensgemeinschaften.

Da ich selbst Mitglied einer Freikirche in Wuppertal bin und auch Kontakt zu Menschen aus anderen Freikirchen sowie der evangelischen und katholischen Kirche habe, möchte ich zu diesem Satz Stellung beziehen:

1. Christen glauben, dass Gott alle Menschen liebt – so, wie es Jesus Christus selbst gesagt hat. Liebe und Zwang beziehungsweise Indoktrination schließen sich gegenseitig aus. Dass die Vergangenheit der Kirchen anders ausgesehen hat, ist schrecklich. Ich denke aber, dass man dies nicht den Christen heute anlasten kann. Wo Indoktrination stattfindet, muss man dagegen angehen. Ich habe aber die im Zeitungsartikel beschriebenen Verhältnisse noch in keiner Kirche oder Freikirche erlebt.

2. Man muss nicht an Gott glauben und auch nicht an Himmel oder Hölle (wie auch immer man diese Begriffe füllt) oder an die Wiederkunft Christi – wobei interessanterweise nicht nur Christen, sondern auch Muslime daran glauben. Man kann aber daran glauben, ohne jemand zu sein, der die Wissenschaft als „negativ und satanisch“ ablehnt. Es gibt in Kirchen und Freikirchen Physiker, Chemiker, Biologen, Mediziner, Ingenieure, die alle ihr Fachgebiet nicht für unvereinbar mit ihrem Glauben halten und auch von sich sagen würden, dass sie „selbst denken“.

Annette Fischer