Briefe von Leserinnen und Lesern „Wir Baumkontrolleure versuchen, jeden Baum zu erhalten“

Wuppertal · Betr.: Baumfällungen am Barmer Rathaus, Leserbrief des Vereins „Zukunft und Natur“, Rundschau vom 14. Februar

Die umgestürzte Linde auf dem Johannes-Rau-Platz.

Foto: Stadt Wuppertal

Sehr geehrter Vorstand, sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe Ihren Leserbrief zu den Fällungen am Barmer Rathaus gelesen. Da ich selbst seit Jahren in der Baumkontrolle unterwegs bin, möchte ich, aus der Sicht eines Baumkontrolleurs, gerne ein paar Sachverhalte zum besseren Verständnis schreiben.

Wenn die Standsicherheit solcher Bäume gefährdet ist, ist eine Fällung alternativlos. Das klingt zwar traurig, ist aber so. Und nein, man kann sie nicht wieder ein- oder umpflanzen. Der Wurzelbereich war über Jahrzehnte sehr eingeschränkt und durch Sauerstoffmangel (Bäume atmen durch die Wurzeln) haben sich die Wurzeln zurückgebildet, sprich sind abgestorben. Das führt dazu, dass solche Bäume auch ohne Starkwetter-Ereignisse unvermittelt und plötzlich umfallen können.

Zur Darstellung: Ein Baum mit dieser Größe hat einen Wurzeltellerbereich von mindestens 30 Metern Radius oder mehr. Daher war eine Fällung aus Sicht des Kontrolleurs/ Gutachters unausweichlich. Sicher kann man alles diskutieren und auseinanderpflücken, aber bringt das in diesem Fall weiter? Wenn die Bäume wieder Laub bekommen, wird die Windlast plötzlich sehr viel höher als jetzt im laublosen Zustand.

Das Gebot der Stunde: Neue Bäume brauchen bei der Pflanzung genügend Raum, um sich ausbreiten zu können und das Gewicht langfristig stabil zu halten. Ebenso muss der Wurzelraum vor Verdichtung (auch durch Personenverkehr!) geschützt werden. Hier gibt es gute Möglichkeiten aus der Praxis.

Dem Bürger aber das vermeintlich falsche Signal zu geben: „Man hätte den Wurzelraum ja verbessern können“, ist leider Augenwischerei. Zur Erklärung: Baumkontrolleure und Gutachter stehen im Schadensfall persönlich für eine Fehlentscheidung vor dem Richter. Daher überlegen wir uns genau, ob wir den Baum stehen lassen oder fällen. Für eine „kurze Verschiebung“ bleibt hier leider kein Spielraum.

Sicher entsteht der Eindruck, man macht direkt „Nägel mit Köpfen“, statt „lass uns doch mal drüber diskutieren“. Aber manche Situationen, wo es um die Sicherheit geht, diskutiere ich als Baumkontrolleur nicht. Ich diskutiere bei einem Unfall auch nicht mit dem Sanitäter/Notarzt, was man hier und jetzt anders machen soll, sondern vertraue dem Fachwissen der Retter – auch wenn ich manches nicht verstehe.

Nur mal praktisch als Beispiel: Ich diskutiere mit Ihnen wochenlang über den Erhalt der, aus meiner Sicht, umsturzgefährdeten Bäume. Sie machen in der Zwischenzeit mit Ihrer Familie einen Spaziergang durch die Barmer Innenstadt, die Sonne scheint, die Kinder spielen und essen Eis, es weht kein Lüftchen, alle sind frohen Mutes. Nun versagen plötzlich die Wurzeln (wenn mehrere Tonnen fallen, ist der Baum schneller unten als Sie fliehen können), und es wird ein Teil Ihrer Familie verletzt oder sogar getötet. Dann sind Sie als Betroffener der Erste, der die Stadt beziehungsweise den Baumkontrolleur anzeigen/anklagen wird.

Daher finde ich, wir sollten bei der Neupflanzung (deren großer Fan ich bin) direkt aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und nicht ein unverrückbares Sicherheitsproblem verschieben. So traurig es klingt: Die Bäume beziehungsweise die Stadt hatten hier keine Alternative.

Wir Baumkontrolleure versuchen, jeden Baum zu erhalten, weil wir um die Wichtigkeit der Natur und des Öko-Systems „Baum“ wissen.

Dieter Krüsmann
(FLL-zertifizierter Baumkontrolleur, Umweltfachlicher Baubegleiter, Schwerpunkt Baum)

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