"Ödipus" und "Rex" - start der Oper Wuppertal in die neue Saison

Start der Oper in die neue Saison : Fall Ödipus wird neu aufgerollt

Mit Strawinskys „Les Noces“ und „Ödipus Rex“ startet die Wuppertaler Oper ebenso ungewöhnlich wie spektakulär in die neue Saison.

Eine Oper in Tatort-Manier: Der eigentlich seit zweieinhalbtausend Jahren sattsam bekannte Ödipus-Mythos wird als Kriminalfall neu aufgewickelt. Wobei die Handlung ins Hier und Jetzt verlegt und, wie es ein guter Krimi-Plot verlangt, letztendlich auf den Kopf gestellt wird.

Igor Strawinsky hat den Stoff zwischen 1925 und 1927 als Oratorium vertont, in lateinischer Sprache mit eingeschobenen Erzähltexten. Der russische Regisseur Timofey Kulyabin, der in Wuppertal bereits Verdis „Rigoletto“ zum mitreißenden Polit-Thriller umgedeutet hatte, unterläuft raffiniert Strawinskys Konzeption und alle Vorlagen und behauptet: Es ist alles ganz anders als gedacht. Wie der Fall Ödipus letztendlich gelöst wird, das ist nicht unbedingt glaubwürdig und ziemlich abgedreht, aber auch sehr spannend.

Beim ARD-Tatort wäre das wohl ein Fall für den Hessischen Rundfunk und seinen abseitigen Kommissar Murot – in Wuppertal ermittelt Schauspieler Gregor Henze in einer kleinen Kammer oberhalb der Bühne, und der Tathergang wird in Rückblenden aufgearbeitet. Wir sehen eine Hochzeit, die Gäste sind südeuropäischen und orientalischen Gepräges, aber laut Inhaltsangabe befinden wir uns in einer westeuropäischen Großstadt. Die Brautleute: Ödipus und Iokaste.

Bis dahin deckt sich das leidlich mit der wichtigsten Vorlage, dem antiken Ödipus-Drama des Sophokles. Dort hatte das Orakel verkündet, Ödipus werde seinen Vater, den König Laïos, töten und seine Mutter Iokaste heiraten. Um das zu verhindern, hatten die entsetzten Eltern den Säugling in der Wildnis aussetzen lassen, aber mit Hilfe eines Hirten überlebte Ödipus, ohne seine Herkunft zu kennen. Bei einem Streit tötete er einen unbekannten Fremden (seinen Vater), befreite die Stadt Theben von der monströsen Sphinx und erhielt zum Lohn die Königswürde samt der Königswitwe (seine Mutter) als Gattin.

An diesem Punkt setzt die Handlung dieses Opernabends ein. Weil „Ödipus Rex“ mit einer Spieldauer von knapp einer Stunde arg kurz ist, wird zunächst die einige Jahre zuvor komponierte Ballett-Kantate „Les Noces“ gespielt, die eine Hochzeit mit allerlei merkwürdigen Ritualen beschreibt, was natürlich inhaltlich gut passt, denn gefeiert wird ja gerade die Vermählung von Ödipus und Iokaste.

Für den Regisseur bietet die Story allzu viel Orakel und Vorsehung, um ungebrochen inszeniert zu werden. Daher macht er Ödipus zum wissenden Täter, der sehr wohl seine Herkunft kennt, den Vater brutal ermordet und die Hochzeit mit der Mutter planmäßig herbeigeführt hat. Und warum das alles?

Weil Ödipus nie verwunden hat, dass er als Kind des Machterhalts wegen ausgesetzt wurde. Ziemlich konstruiert und bestenfalls leidlich plausibel, kann man einwenden – sicher auch keine weiter bedeutsame Interpretation des Stoffes. Aber eben auch während der zwei Stunden Spieldauer (mit Pause) keine Minute langweilig und daher aufregendes Musiktheater, obwohl die Musik es dem Zuhörer nicht leicht macht.

„Les Noces“ ist mit monoton hämmernden Rhythmen nicht unanstrengend, in „Ödipus Rex“ komponiert sich Strawinsky planvoll (und deutlich eingänglicher) zwischen alle Stile: Um die kaum gespielten Stücke für die Bühne zu retten, ist ein solcher Plot sicher nicht die schlechteste Lösung.

Chor und Extrachor (Einstudierung: Markus Baisch), denen die heimliche Hauptrolle zufällt, bewältigen die vertrackte Musik grandios. Mirko Roschkowski singt den Ödipus mit geschmeidigem, an Mozart orientiertem Tenor, für einen Psychopathen fast zu schön. Hinreißend ist Ralina Ralitsova in der umfangreichen Sopranpartie von „Les Noces“ mit betörend schöner, leuchtender Stimme. Durchweg überzeugend besetzt sind die weiteren Rollen mit Almuth Herbst vom Gelsenkirchener Theater als Iokaste, Simon Stricker als deren Bruder Kreon, Sebastian Campione als blinder Seher Teiresias, Sangmin Jeon als Hirte, Iris Marie Sojer als Mezzo in „Les Noces“ und Deagyun Yeong als Bote. Johannes Pell manövriert das gute Sinfonieorchester (das in „Les Noces“ auf vier Klaviere und Schlagwerk reduziert ist) lustvoll durch Strawinskys manchmal sperrige, aber immer wieder überraschende Klangwelten.

Mehr von Wuppertaler Rundschau