"Ein Winter unterm Tisch" von Roland Topor im Wuppertaler Schauspiel

Roland-Topor-Premiere am Engelsgarten : So zärtlich – und sooo schräg

Der Franzose Roland Topor (1938 bis 1997) war ein echtes Mehrfach-Talent: Zeichner, Illustrator, Filmschauspieler, Autor von Romanen, Kurzgeschichten – und Theaterstücken. Eines davon ist „Ein Winter unterm Tisch“ von 1994. Das hatte jetzt im Theater am Engelsgarten Premiere.

Was ist die Liebe doch für ein seltsames Ding. Und geht so verschlungene Wege ... Da sitzt bei der Übersetzerin Florence Michalon (Philippine Pachl) ein Flüchtling aus Osteuropa namens Dragomir (Stefan Walz) als Untermieter unterm Schreibtisch. So weit, so ungewöhnlich. Beziehungsweise doch wieder nicht, denn als Roland Topor das Stück schrieb, ging es ihm darum, die Lage von Immigranten ohne gültige Papiere in Frankreich zu thematisieren.

Regisseurin Schirin Khodadadian und Bühnenbildnerin Carolin Mittler fokussieren die gesamte 90-Minuten-Handlung auf eine schräg gestellte rechteckige Holzlatten- und Papierbahnen-Konstruktion, in der zu Beginn à la Schattenspiel agiert wird – und die sich dann (im wahrsten Sinn des Wortes) Stück für Stück auflöst. Dazu ein weißer Tisch mit überlangen Beinen sowie ein ebensolcher Stuhl. Das war’s.

Was Philippine Pachl und Stefan Walz in dieser Winzig-Umgebung machen, verdient Applaus – und den gibt’s am Ende auch üppig. Auf ganz zarte Weise erzählen die beiden sich voneinander: Von den Schwierigkeiten des Übersetzens, vom bitteren Dasein als Flüchtling, von der Pflege schöner Schuhe, von der Schönheit schöner Beine, vom Kochen leckerer Zwiebelgerichte. Die furchtbar vorsichtige Annäherung dieser zwei, die unterschiedlicher kaum sein könnten, gibt es quasi in Zeitlupe. Inklusive einer rührend unbeholfen erotischen Szene, als auf der Suche nach einem Blusenknopf BH, Busen, halterlose Nahtstrümpfe blitzen – und doch gar nichts passiert.

Das könnte alles so weitergehen, wenn nicht noch die restliche Welt wäre. In „Ein Winter unterm Tisch“ heißt die Raymonde (Lena Vogt), und ist Florence’ dalmatinerhaft von oben bis unten gepunktete Freundin mit bebrilltem Mireille-Mathieu-Kopf. Sie kann mit dem Dragomir-Dasein gar nichts anfangen, hat mit Florence ganz andere Pläne: Der schmierige Verleger Marc (aalglatt und pfauenhaft gespielt von Alexander Peiler), gekleidet in ein bestürzendes Pepita-Outfit, soll (und will) Florence heiraten. Die liebt ihn aber nicht.

Außerdem taucht noch Dragomirs Cousin Gritzka auf, ebenfalls ein nach monatelanger Flucht unterm Florence-Tisch einziehender Illegaler. Martin Petschan spielt ihn als schwarzhaarig-gegelten Geigenvirtuosen voller Balkan-Platitüden mit Wagenrad-Sombrero. Großartig!

Die Verhältnisse schaukeln sich auf, es gibt immer wieder Wolkenbrüche oder eiskalte Füße wegen des bitteren Winters, Raymonde intrigiert erfolgreich – und plötzlich ist Dragomir weg, Gritzka auch, Marc bekommt seinen mitgebrachten Champagner ins Gesicht, Florence steht ganz allein da. Philippine Pachl macht die Traurigkeit ihrer Figur spürbar: Am Bühnenrand singt sie (überhaupt wird oft gesungen, aber bei diesem Lied nicht französisch, sondern englisch) einen schönen kleinen Song. Licht, Klang, Stimme – ein bisschen Gänsehaut.

Gritzka hat Erfolg, kauft das Haus, in dem Florence lebt. Und Dragomir? Bleibt er verschwunden? Nein – ganz zum Schluss, nur die nackte Holzkonstruktion dreht sich noch im Kreis, sieht Florence ihn am Rand der Szene stehen ... Licht und Schatten, Klang und Rufe – ein kleines bisschen Kino.

„Ein Winter unterm Tisch“ fängt seltsam an, erschließt sich aber erstaunlich schnell. Eine schräge Show, die sich trotz vieler greller Effekte (so auch Florence’ Aufgeplatzes-Sofakissen-Frisur) ganz zärtlich anfühlt. Lacher gibt es immer wieder – klare Sache. Aber die stillen Momente vor allem sind es, die haften bleiben. Dabei besonders Stefan Walz, der sanfte Riese, der das Pianissimo so fein spielt.

Was wünschen wir Florence? Vielleicht dass der (Unterm- Schreibtisch-)Winter ihres Missvergnügens glorreicher Sommer werden möge, durch die Sonne Dragomirs. Verdient hätten es die beiden.

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