Aus dem Tagebuch der Redaktion Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Wuppertal · Interaktive Museen sind absolut in. Im Mühlheimer "Aquarius" können (auch windelfreie) Kinder ein Wasserdiplom erwerben, das Berliner "DDR-Museum" lockt mit einer 3-D-Trabbi-Fahrt durch eine Plattenbausiedlung und in der Lüdenscheider Phänomenta kann man archimedische Seifenblasen erzeugen.

Seit ich die Wiener Philharmoniker im "Haus der Musik" in einer Animation völlig aus dem Takt gebracht habe, bevorzuge ich herkömmliche Ausstellungen. Solche, wo ich als passiver Konsument alles Wissenswerte mundgerecht serviert bekomme, ohne mich weiter anstrengen oder gar blamieren zu müssen. Aber letzte Woche geriet ich in die Pina Bausch- Ausstellung in der Bonner Kunsthalle.

Es ist dies eine sehr schöne, informative Schau über das Schaffen unserer Tanztheater-Ikone. Faszinierend die Schwarz-Weiß-Filme ihrer frühen Soli in Kurt Jooss Choreographien, die Reminiszenzen an ihre ersten "Skandal"-Abende, die 30 Meter breite Panorama-Leinwand, auf der unterschiedliche Stücke zu einem Gesamtbild verschmelzen.

Ja, und mittendrin der legendäre Probenraum in der Barmer Lichtburg. 1:1 nachgebaut, bietet er eine liebenswert-authentische Bühne für — Probenarbeit. Jeweils eine Tänzerin aus dem Ensemble trainiert mit Besuchern Bewegungsabläufe aus Original-Produktionen. Wie beim herkömmlichen Tanztee überwog bei meinem Nachmittagsbesuch aber auch hier der Frauenanteil. Genau genommen lag er bei 100 Prozent. Von daher beglückwünschte ich mich sofort zu der Entscheidung, mich für diese Einlage nicht angemeldet zu haben. Zumal ich seit frühen Jugendtagen wegen mangelnder Koordinations-Motorik auf der schwarzen Liste aller Wuppertaler Tanzschulen stehe.

Auf der anderen Seite sahen die tänzerischen Figuren jetzt nicht so kompliziert aus, dass sie nicht auch von Männern, am Ende sogar von mir, hätten nachgebildet werden können. Und so habe ich am Sonntag heimlich auf dem Balkon die sogenannte "Nelken-Line" geübt. Bei dieser pirouettenfreien Darbietung hat Pina mit simplen Hand- und Armbewegungen die vier Jahreszeiten nachempfunden.

Für meine Version kostümierte ich mich passend mit meinem Original-Zylinder aus einer ehemaligen Bausch-Produktion und nahm die höchst spontane Performance mit der Kamera auf. Nachdem ich meine skeptische Frau überzeugen konnte, dass ich keinerlei psychiatrische Betreuung benötige, brauchte ich lediglich 26 Anläufe, um eine befriedigende Interpretation hinzulegen.

Mit der könnte ich mich theoretisch bei einem Wettbewerb anmelden, den die Pina Bausch-Foundation und ARTE Concert (pinabausch.org) ausgeschrieben haben. Gewinnen könnte ich ihn in Anbetracht der bereits vorliegenden Beiträge nicht — aber vielleicht ist es ja der Auftakt zur Tanzkarriere eines Spätberufenen, wenn der "Kontakthof für Senioren" mal wieder neu aufgelegt wird.