Vielleicht hat Uwe Schneidewind während der letzten Phase seiner Amtszeit als Wuppertaler Oberbürgermeister irgendwann leise vor sich hin den Satz gesagt „Ich brauche das hier nicht“. Laut gesagt hat er ihn am 7. Mai 2008 während der an diesem Tag von ihm geleiteten Senatssitzung an der Uni Oldenburg. Dies kann man dem auf der Website der Uni Oldenburg stehenden, politikwissenschaftlich lesenswerten „Persönlichen Rückblick“ auf seine Amtszeit als Präsident der Universität entnehmen.
Nach eigenem Bekunden war er damals vor allem von großen Teilen des Senats für seine Top-down-Amtsführung kritisiert worden. Um der angedrohten Abwahl zuvorzukommen, trat er zum 1. Oktober 2008 zurück. Am 27. September 2008 titelte die Nordwest-Zeitung „Uni-Präsident geht in aller Stille“, eine offizielle Verabschiedung gab es nicht. 2010 wurde Uwe Schneidewind Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, 2020 wurde er zum Wuppertaler Oberbürgermeister gewählt, 2025 verzichtete er auf eine erneute Kandidatur.
Der Blick in die Vergangenheit offenbart ein Muster. Uwe Schneidewind, gelernter Betriebswirt, versteht sich als Organisationstheoretiker und Organisationsmanager. Mit diesem Mindset ist er angetreten, Unternehmen zu steuern und zu verändern. Transformation ist hier der zentrale Begriff. Was in Unternehmen funktionieren kann, passt jedoch nicht unbedingt für andere Organisationen.
Unternehmen haben Eigentümer und Vorstände und können in der Regel top-down geleitet werden, weil ihre Belegschaft aus abhängig Beschäftigten besteht. Eigentlich hätte Uwe Schneidewind die Grenzen seines Mindsets also schon als Präsident der Uni Oldenburg, d.h. einer Einrichtung, in der (wie an anderen Universitäten) Unabhängigkeit und Selbstorganisation großgeschrieben werden, erkennen können.
Transformation war auch am Wuppertal Institut das Leitthema, nur dass es nun darum ging, die ganze Gesellschaft grundlegend zu verändern, allerdings ohne das organisationstheoretische Mindset ausreichend zu überdenken. Das Buch „Die Große Transformation, Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“, verfasst von Uwe Schneidewind und ca. 60 Mitautorinnen und -autoren, sollte hierzu als populärwissenschaftlicher Wegweiser dienen, wurde aber, gemessen an den hohen Erwartungen und an früheren Publikationen des Wuppertal Instituts, ein Flop. Die Impulswirkung in die Gesellschaft, die von dem Buch hatte ausgehen sollen, blieb aus.
Das Amt als Wuppertaler Oberbürgermeister stellt den dritten Anlauf dar, das organisationstheoretische Mindset außerhalb von Unternehmen anzuwenden. Auch dieser Anlauf ist gescheitert. Die dabei gemachten Erfahrungen hat Uwe Schneidewind in dem Buch „Dienstschluss, Herausforderung Kommunalpolitik“ aufgearbeitet, dessen Inhalt in Teilen schon vor der Veröffentlichung durch die Wuppertaler Rundschau bekannt geworden ist. Unter anderem berichtet Uwe Schneidewind von einer Einladung oder besser: einer Erpressung zur Korruption durch einen der Wuppertaler Fraktionsvorsitzenden zu Beginn seiner Amtszeit.
Die Empörung, mit der sich der Stadtverordnete Oliver Wagner gegen die Beschreibung der Wuppertaler Kommunalpolitik durch Uwe Schneidewind gewendet hat, ist einerseits berechtigt, andererseits schießt er mit seinen Ausführungen zum Funktionieren von Kommunalpolitik, die, vermutlich rollenbedingt, ziemlich euphemistisch ausfallen, über das Ziel hinaus. Natürlich ist davon auszugehen, dass es auch in der Wuppertaler Kommunalpolitik Eitelkeiten, Intrigen, Lügen, nicht eingehaltene Zusagen, eine gewisse Korruption usw. gibt.
Typen wie den erwähnten Fraktionsvorsitzenden hat der Verfasser im Verlauf seiner Berufsbiografie selbst kennengelernt. Die von Oliver Wagner zu Recht beklagte „bleierne Zeit“ in der Wuppertaler Kommunalpolitik während der letzten fünf Jahre sind nicht primär Uwe Schneidewind anzulasten, sondern den im Stadtrat vertretenen Parteien.
Positiv ausgedrückt, hat Uwe Schneidewind in der Rückschau beruflich einen Weg der Missverständnisse beschritten, weniger positiv ausgedrückt ist er der Unternehmensberater geblieben, als der er gestartet ist, der dann aber versucht hat, die erlernten Theorien, Modelle und Methoden in ungeeigneten Kontexten anzuwenden. Dieses Phänomen ist als „Maslows Hammer“ (Abraham Maslow war ein amerikanischer Psychologe) bekannt. Maslows Aussage war etwa so: Wer nur einen Hammer besitzt, neigt dazu, jedes Problem mit Nageln lösen zu wollen.
Und das Buch? Gut geschrieben, wahrscheinlich interessant für die Wuppertaler Stadtgesellschaft, für Politikstudentinnen und -studenten und Journalistinnen und Journalisten. Die von Uwe Schneidewind gesammelten Erfahrungen mögen für ihn neu sein, großen wissenschaftlichen Neuigkeitswert in Bezug auf die Mechanismen von Kommunalpolitik haben sie nicht.
Vielleicht hätte sich Uwe Schneidewind vor seiner Entscheidung, als Oberbürgermeister zu kandidieren, mal zum Beispiel bei Machiavelli informieren sollen, was in der Politik so auf einen zukommen kann. Auch die eine oder andere einschlägige Fernsehserie hätte Anschauungsmaterial liefern können.
Bei dieser Bilanz könnte man fragen, welches Verhältnis der Verfasser, der lange Zeit am Wuppertal Institut gearbeitet hat, zu Uwe Schneidewind gehabt hat. Das Verhältnis war nicht unproblematisch; vor allem hat der Verfasser Uwe Schneidewind als indifferent erlebt. Aber das ändert nichts an dem Befund.
Auf jeden Fall dürfte Uwe Schneidewind jetzt wieder mehr Zeit für seine (neben der „Umwelt“) zweite Leidenschaft haben, das Briefmarkensammeln. Sie lässt sich im Sessel ausüben, ist also auch der persönlichen Ökobilanz zuträglich, vor allem aber kann man wenig kaputtmachen.
Georg Wilke
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