Honorarkürzung seit April Psychotherapeuten: „Schlag ins Gesicht der Patienten“

Wuppertal · Bundesweit schlagen die Psychotherapeuten Alarm: Ihre Honorare wurden – als Teil der Kostensenkung im Gesundheitswesen – zum 1. April um 4,5 Prozent gekürzt. Auch zwei Wuppertaler Psychotherapeuten erheben im Gespräch mit der Rundschau ihre Stimme. Und warnen vor den Folgen.

Die beiden Wuppertaler Psychotherapeuten Fariborz Erchadi (links) und Dr. Richard Heinen. Fariborz Erchadi hat seine Praxis seit 2010, Richard Heinen seit 2006.

Foto: Wuppertaler Rundschau/sts

Fariborz Erchadi und Richard Heinen betonen die in den vergangenen Jahren immer stärker gewachsene Nachfrage für die Leistungen ihres Berufsstandes: „Psychische Leiden sind der zweithäufigste Grund für Krankheitstage im Job und die Hauptursache für Frührenten“, so Richard Heinen: „Darum ist es geradezu absurd, hier zu kürzen.“ Fariborz Erchadi ergänzt: „Psychotherapie reduziert Krankheitskosten. Für einen in die Therapie investierten Euro kommen gesamtgesellschaftlich drei bis vier Euro zurück.“

Die beiden Therapeuten sehen vor allem große Gefahren für ihre gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten: Die warten wegen der Überlastung der Praxen schon heute viele Monate, ja sogar bis zu einem Jahr, auf einen Termin für ein Gespräch oder gar eine Therapie.

Richard Heinens und Fariborz Erchadis Warnung ist klar: Wenn die Therapeuten, um ihre Praxen finanzieren zu können, nun verstärkt auf Privatversicherte oder Menschen, die selbst bezahlen (können), setzen, wird es für gesetzlich Versicherte noch schwieriger werden, ambulante Hilfe bei Angststörungen, Depressionen, Burnout und vielen anderen Problemen mehr zu bekommen. Hier sehen sich die beiden Wuppertaler Therapeuten auf einer Linie mit ihrem Berufsverband, der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV).

Von hier sind bereits öffentliche Proteste und Petitionen an den Bundestag organisiert worden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat Klage gegen die Kürzungspläne der Krankenkassen, die ursprünglich sogar eine Größenordnung von zehn Prozent umfassen sollten, eingereicht.

Rückgängig machen könnten das Ganze Bundesgesundheitsministerin Nina Warken beziehungsweise die Große Koalition. Richard Heinen: „Diese Kürzungspläne, die weitreichende Folgen haben werden, gefährden direkt Therapieplätze. Sie sind ein offener Angriff auf die Psychotherapie, und damit auch ein offener Angriff auf die Menschen, die Hilfe brauchen. Es handelt sich um einen Schlag ins Gesicht der Patienten.“ Von denen übrigens betreut ein Psychotherapeut etwa sieben bis acht pro Tag.

Fariborz Erchadi: „Wir treiben die Menschen nicht in die Berufsunfähigkeit. Im Gegenteil. Wir bewahren sie davor oder holen sie wieder zurück in die Arbeitswelt. Damit erfüllt die Psychotherapie einen wichtigen gesellschaftlichen Zweck.“ Angesichts der zahlreichen Facetten von Problemen, die heutzutage psychotherapeutisch behandelt werden, sei eines ganz klar, so Heinen und Erchadi unisono: „All diese Leiden verursachen, wenn sie unbehandelt bleiben und chronisch werden, immense Kosten.“

Richard Heinen und Fariborz Erchadi haben – wie all ihre Kolleginnen und Kollegen (in der Psychotherapie arbeiten zu 70 Prozent Frauen) – ein großes Problem damit, dass ihre sehr zeitintensive Tätigkeit nicht in ihrer tatsächlichen Bedeutung und Alltagswirklichkeit gesehen wird: „Der Bedarf, den es für psychotherapeutische Betreuung gibt, und die Honorarkürzungen mit ihren Folgen für die Menschen widersprechen sich komplett. Es scheint hier nur um Kosteneinsparung oder Kostenverlagerung zu gehen, nicht aber um eine Verbesserung des Systems. Beispielsweise um eine sinnvolle Reaktion auf den messbar exorbitant gestiegenen Bedarf.“

Die Position der Krankenkassen, dass die Honorare für Psychotherapeuten in der Vergangenheit deutlich gewachsen seien, kontern Fariborz Erchadi und Richard Heinen: „Die Psychotherapie liegt im Ärztevergleich ganz unten auf der Liste. Außerdem befand sich die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen jahrelang unterhalb der gesetzlichen Mindesthonorierung.“

Mit dem Blick voraus warnen Erchadi und Heinen auch vor mit den Honorarkürzungen verbundenen Schwierigkeiten in Sachen Aus- und Weiterbildung. Die Situation von Angebot und Nachfrage im Segment Psychotherapie werde sich in Zukunft verschärfen. Folge: Das Problem schaukele sich weiter auf.

Und damit nicht genug: Im Rahmen der Einsparungen im Gesundheitswesen droht psychotherapeutischen Praxen zusätzlich eine Budgetierung ihrer Leistungen. Dadurch würden die Honorare noch weiter abgesenkt werden.

Außerdem könnten diese weiteren Einsparungen dazu führen, dass man die Kassenpraxen zwingen würde, 40 Prozent ihrer angebotenen Therapiesitzungen zu streichen. Die Folge liegt auf der Hand: Das ohnehin magere Angebot würde sich für die Patienten noch weiter verknappen.

Unterdessen hat übrigens der Wuppertaler Stadtrat bei seiner Sitzung am 11. Mai mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die die Rücknahme der Psychotherapie-Honorarkürzungen durch das Bundesgesundheitsministerium fordert.