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Ecken neu entdecken: Beyenburg: „Die Perle des Bergischen Landes“

Ecken neu entdecken : Beyenburg: „Die Perle des Bergischen Landes“

Können Sie von sich behaupten, jeden Wuppertaler Stadtteil ganz genau zu kennen? In dieser Woche erkunden wir für die Rundschau-Serie „Ecken neu entdecken“ das beschauliche Beyenburg.

Eingeladen hat mich Clemens Kreuter, 74 Jahre alt, in Beyenburg geboren und nie weggezogen. Bereits am Telefon verspricht er, mit mir gedanklich zurückzuwandern in die Zeit, als es in Beyenburg noch 84 Geschäfte gab – und Clemens Kreuter erinnert sich an jedes einzelne von ihnen.

Der Beyenburger empfängt mich im Garten seines Sohnes in der Siedlung Sondern auf den Höhen des Stadtteils. Mit acht Jahren zog er zusammen mit seinen Eltern hier herauf, in das Haus, in dem er immer noch lebt und auf dessen Grundstück sein Sohn neu gebaut hat. Heute besteht die Siedlung nur noch aus Wohnhäusern. „Aber früher gab es dazwischen 13 Verkaufsstellen“, erinnert sich Kreuter. Sein Elternhaus zählt er dazu. Aus dem Fenster im Erdgeschoss verkauften sie damals Zigaretten, Bier und Klömpkes für die Kinder. „Ich würde hier nie wegziehen“, erklärt der 74-Jährige mit Nachdruck. Aber was ist, wenn man mal kein Auto mehr fahren kann? „Dann ist man hier aufgeschmissen“, gibt er zu. Der Bus fährt nur einmal in der Stunde und nur von der Hauptstraße aus. Lebensmittelläden sind weit entfernt. Die Beyenburger sind auf ihr Auto angewiesen, die Jugendlichen auf das Mofa oder den Bus.

Immer mal wieder wird in Beyenburg über einen Supermarkt diskutiert. „Aber das lohnt nicht“, erklärt Sohn André Kreuter, der sich für ein paar Minuten mit an den Gartentisch setzt. „Die Leute arbeiten woanders und gehen einfach dort einkaufen.“ Selbst als es unten im Dorf noch einen SPAR-Markt gab, fuhr Clemens Kreuter lieber 20 Minuten mit dem Auto bis zum Penny. „Da ist’s einfach günstiger.“

Auch jetzt möchte Kreuter mit dem Auto herumfahren, um mir nicht nur seine Siedlung auf den Höhen, sondern auch Alt- und Neu-Beyenburg zu zeigen (zu Fuß ist er nicht gut unterwegs). Er nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, zeigt immer wieder aus dem Fenster auf einzelne Häuser und kann zu jedem eine Geschichte erzählen. „Mit 13 Jahren hab ich angefangen, die Wochenzeitung auszutragen“, verrät er ein Geheimnis seines Wissens.

Den ersten Halt legen wir in Alt-Beyenburg an der katholischen Kirche ein. Sobald wir aus dem Auto steigen, wird mein Beifahrer begrüßt: „Ach Clemens, lang nicht mehr gesehen.“ Während er plauscht, kann ich mich in Ruhe umsehen, freue mich über die wunderschöne Kirche und den tollen Ausblick über Beyenburg mitsamt Stausee. Kreuter stellt sich neben mich an die Mauer, wir überblicken sein Dorf und er deutet auf eine Fischtreppe, mit deren Hilfe die Fische zum Laichen die Wupper hochwandern.

Wir schlendern von der Kirche aus ein paar Schritte die Straße entlang, Kreuter murmelnd: „Was hier auf hundert Metern früher an Geschäften war …“ Dann bleibt er plötzlich stehen: „Hier in der Nähe wohnt eine berühmte Schauspielerin. Kramer und Kassnitzer, genau. Ann-Kathrin Kramer. Aus dieser Krimiserie!“ Ein Touristenpärchen neben uns nickt bestätigend. Touristen? Richtig gelesen. Einheimische sieht man wenig auf den Straßen, dafür umso mehr Besucher, die zwischen den Fachwerk- und Schieferhäuschen umherwandern. „Die Perle des Bergischen Landes, das ist Beyenburg“, erklärt Clemens Kreuter stolz. „Deshalb sind auch immer so viele Besucher hier.“ Nur übernachten, das können sie in Beyenburg nicht, denn ein Hotel oder eine Pension gibt es nicht. Was es in Beyenburg gibt, lässt sich fast an einer Hand abzählen: „Eisdiele, Apotheke, Sparkasse, Lotto-Shop, Friseur, ein Café und zwei Gastronomien.“ Und das in einem Stadtteil, der 2016 immerhin 3.000 Einwohner zählte.

Als Nächstes parken wir in der Nähe der Staumauer. Kreuter führt zu einem weißen Häuschen auf der anderen Seite der Wupper. „Da drinnen zeige ich Ihnen etwas ganz Besonderes“, verspricht er. Was uns erwartet, ist die schwarze Madonna von Beyenburg, eine Ikone mit schwarzem Gesicht. Die eigentliche Überraschung folgt aber noch: „Die Madonna haben meine Frau und ich in Spanien in Montserrat gekauft“, verrät der 74-Jährige und grinst verschmitzt. Eigentlich als Mitbringsel für die Schwiegermutter gedacht, landete sie nach einigen Jahren in den Händen von Bruder Dirk („Der wollte sie unbedingt haben“) und schließlich in der kleinen Kapelle.

Zum Abschluss führt mich Kreuter zur Eisdiele, dem Dreh- und Angelpunkt für Beyenburg-Ausflügler und Einheimische. Hier fahren die Touristen auf der Draisine vorbei, nebenan befindet sich der Lotto-Shop (der zwischen 13 und 15 Uhr Mittagsruhe hält). Ein Stück die Straße herauf folgen Apotheke und Sparkasse, die evangelische Kirche mitsamt Friedhof. Nicht viel also. Was Beyenburg im Überfluss zu bieten hat, sind Natur, Wälder, Wasser und himmlische Ruhe.