Petrus-Krankenhaus: Schminkseminar schenkt eine Auszeit vom Krebs

Petrus-Krankenhaus : Schminkseminar schenkt eine Auszeit vom Krebs

Acht Frauen nehmen sich zwei Stunden Zeit für sich. Sie lernen Tricks, Frische ins Gesicht zu zaubern und wie gut es sich anfühlt, trotz Krankheit dem eigenen Körper Zeit zu schenken.

Sich öffnen und sich dabei gut zu fühlen, das kann wirklich schwierig sein. Und wenn im eigenen Körper etwas Zerstörerisches zu bekämpfen ist, dann wird das fast unmöglich. Im Petrus-Krankenhaus stehen auf einer langen Tafel acht Spiegel, vor denen Frauen verschiedenen Alters Platz nehmen. Sie sind die Teilnehmerinnen des Schminkseminars für Krebspatientinnen. Zwei Stunden lang soll es nur um sie gehen. Um ihre Haut, ihren Mund und ihre Augen, die trotz Krankheit so schön strahlen können.

Susanne Gerhardts nimmt ihre Perücke ab und legt den vollen, blonden Kurzhaarschnitt neben sich auf den Tisch. Sehr ähnlich, sagt sie, haben ihre Haare vor der Chemotherapie ausgesehen. "Ohne Perücke aus dem Haus zu gehen, soweit bin ich noch nicht", erzählt sie und streicht sich über den glatten Kopf.

Anna-Lena Reiber war mit der Diagnose Krebs sofort klar, sie trägt keine künstlichen Haare. Als sie ihren Schädel kahl rasierte und dicke Strähnen auf den Badezimmerboden fielen, weinte ihre Tochter. Die 32-Jährige kaufte sich einen ganzen Schwung Tücher und Mützen. Auch sie hat ihre Mütze für das Seminar abgestreift.

Auf dem Kopf von Hannelore Klein wachsen dichte, weiße Haare. Die 73-Jährige sieht sich dennoch nicht gerne selbst. Der Krebs hat ihre Wangen einfallen lassen, sagt sie.

Nina Knies, ehrenamtliche Leiterin des Kurses, begrüßt ihre Teilnehmerinnen und bittet sie mit warmer Stimme, die vorbereiteten Taschen auszuleeren. Dosen und Cremes, Make-Ups und Lidschatten verteilen sich über die Tafel. Jede Frau erhält ein Rundum-Beauty-Paket, kostenlos und aus Spenden finanziert. "Wir starten mit der Gesichtspflege", leitet die Visagistin ein und das Wohlfühl-Programm beginnt.

Zunächst waschen die Frauen ihre Haut mit einem lauwarmen Tuch, dann massieren sie Gesichtswasser und Creme ein. "Auch das große Gesicht freut sich über die Pflege", sagt Nina Knies, während sie Anna-Lena Reibers Gesicht und Kopf leicht massiert. Der nächste Schritt ist ein Thermalspray, das auf Gesicht, Dekolleté und Kopf gesprüht wird. "Angenehm kühlend", fühle es sich an, urteilt Susanne Gerhardts. "Unter der Perücke ist mir so heiß, durch das Spray fühle ich mich zum ersten Mal erfrischt." Im Frühjahr will sie nicht mehr so schrecklich schwitzen und den Mut aufbringen, sich ganz ohne Haare ins Leben zu trauen. "Sie haben eine wunderschöne Kopfform", versichern die anderen Frauen, die vor einer halben Stunde noch Fremde waren.

In den nächsten zwei Stunden tragen die Teilnehmerinnen nach und nach Schminke auf. Es wird gekichert, gefachsimpelt sich gegenseitig geholfen. Nina Knies zeigt ihnen, wie der richtige Lidstrich mit dem richtigen Stift fehlende Wimpern und Augenbrauen ersetzen und Rouge die Frische ins Gesicht zurückholen kann.

"Viele haben gesagt, sei nicht traurig, die Haare wachsen nach", sagt Susanne Gerhardts, als sie sich ohne Perücke und mit geschminktem Gesicht im Spiegel sieht. "Aber der kahle Kopf raubt die Weiblichkeit und steht für die Krankheit." Mit der Schminke, die ihre grünen Augen so betont, fühle sie sich seit langer Zeit wieder wohl in ihrer Haut.

Anna-Lena Reiber wusste bis zu diesem Tag nicht, was sie für wunderschöne lange Wimpern hat. Und falls die sich auch verabschieden, kennt sie nun die Tricks. Ihre Tochter hat sich übrigens an die Mama ohne Haare gewöhnt. Die Eltern haben ihr gemeinsam erklärt, dass die Haare nur weg sind, um gemeinsam mit der Mama wieder gesund zu werden."Du bist jetzt genauso schön wie Papa", hat das Mädchen erklärt und ihr den Kopf gestreichelt.

Auch Hannelore Klein schaut sich im Spiegel an und lacht. "Ja, ich sehe ja gut aus! Mein Mann wird staunen", sagt sie und geht in den Regen hinaus.

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