Das Leben dieser Gartenmöbel hätte wohl bald ein trauriges Ende gefunden. Wäre da nicht Martin Schulte. Der 62-jährige Wuppertaler Lehrer am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium entdeckt die Bank, den Stuhl und den Tisch auf eBay-Kleinanzeigen – kostenlos, zum Verschenken, im beschaulichen Unkel südlich von Bonn. Kurzerhand entschließen sich er und fünf seiner sieben Projektschüler, die Möbel abzuholen und mit dem Zug nach Hause zu transportieren.
So fahren sie mittwochs, während der Projektzeit, nach Unkel und bringen die Garnitur nach Wuppertal. Während der Rückfahrt sind sie das Gesprächsthema im Zug. Mitfahrer kommentieren die Aktion mit „großartig“. Als der Schaffner scherzhaft nach einem Extra-Ticket für die Möbel fragt, antworten die Schüler: „Wir haben doch nur unsere Sitzplätze mitgebracht.“
Seitdem schrauben und malen die Achtklässler an ihrem geborgenen Schatz. Die Garnitur ist verschnörkelt und wirkt hochwertig. Sie ist nur eines von vielen Stücken, welche die Heranwachsenden in ihrem Upcycling-Projekt „Abgestaubt und aufgemöbelt“ vor der Tonne retten.
Die operierende Ambulanz für die heruntergekommenen Möbel liegt in der „Arrenbergstatt“, einer offenen Werkstatt in der Friedrich-Ebert-Straße 142. Das Nachbarschaftsprojekt des Vereins „Aufbruch am Arrenberg“ ist zwar noch jung, hat sich aber bereits etabliert. Im Januar 2025 eröffnet Malte Steinmetz die Einrichtung; bald erhält er Unterstützung von Ilka Jaroch. Das Duo leitet sie seither gemeinsam.
Zuvor war in den Räumen eine Nachhilfeschule untergebracht, die „Hasenschule“. Gelernt werden soll hier weiterhin – nur nicht mit Stift und Block, sondern mit Werkzeug. Die Ausstattung ist nahezu vollständig gespendet: Stühle und Tische stammen aus der Auflösung eines Wuppertaler Callcenters, einzig Akkuschrauber und Kreissäge wurden eigens angeschafft.
Bei den sieben Gymnasiasten hat die Aktion ein Umdenken angeregt. Sie berichten, dass sie viele Möbel von Ikea in ihren Zimmern hätten. Der 14-jährige Julius Hesse sagt, er sei überrascht gewesen, wie umweltschädlich Möbel produziert würden.
Was die Jugendlichen weit häufiger kaufen, sind allerdings Kleider. Flohmärkte würden sie gerne besuchen, berichtet Philip Mutz-Gutorski. Trotzdem kennen alle die Fast-Fashion-Plattformen, etwa „Shein“ und „Hippobuy“. Sie würden unter Jugendlichen rege genutzt.
Das Projekt findet im Rahmen des Unterrichtsformats „Freiday“ statt – gemeinsam mit der Umweltberatung der Verbraucherzentrale NRW. In diesem außergewöhnlichen Schulfach können Schüler der 7. und 8. Klasse des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums ein Projekt starten, das mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Die Gruppe trifft sich jeden Mittwoch, um die Möbel aufzuhübschen.
„Fast Furniture“ sorgt dafür, dass jährlich unzählige noch brauchbare Möbelstücke im Sperrmüll landen. In Wuppertal lag das Sperrmüllaufkommen im Jahr 2024 bei 55,2 Kilogramm pro Kopf – so viel wiegt etwa ein Motorroller.
Lisa Barthel, Umweltberaterin der Verbraucherzentrale Wuppertal, will gemeinsam mit ihrer Kollegin Caroline Pilling auf diesen hohen Verbrauch aufmerksam machen. Mit einfachen Reparaturen, so die Beraterinnen, ließen sich Möbel bis zu 80 Prozent länger nutzen.
Genau wie jene Sitzmöbel, welche die Schülerinnen und Schüler derzeit reparieren. Wer sie am Ende bekommt, ist allerdings noch offen. Eine Idee ist, sie zu verkaufen: Das Geld käme dann die Klassenkasse.