In der evangelischen Kirche gibt es Streit über das geplante neue Gesangbuch, das bis 2029 erscheinen soll: Die internationale Kirchengemeinschaft Vereinte Evangelische Mission (VEM) in Wuppertal kritisiert den Auswahlprozess für die Lieder und wirft einigen Autorinnen und Autoren eine Nähe zu „rechten und nationalistischen Strömungen“ vor. „Internationale und dekoloniale" Perspektiven fehlten im bisherigen Prozess komplett oder seien bewusst übergangen worden.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wies die Vorwürfe zurück. Es gebe noch keine endgültige Liedauswahl, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Hannover. Zudem würden auf dem weiteren Weg zur endgültigen Liederliste weitere internationale und ökumenische Perspektiven sowie Expertise aus dem Arbeitsfeld „Rassismus und Kirche“ in die Beratungen einbezogen.
Erstaunen über Streit in Wuppertal
Bis 2029 will die EKD ein neues Gesangbuch mit modernen und traditionellen Liedern herausbringen, das gedruckt und digital erscheinen soll. Sie veröffentlichte im Juni eine vorläufige Liste mit 600 ausgewählten Liedern für den Stammteil und zusätzlichen Liedern für eine digitale Version. Eine 70-köpfige Gesangbuchkommission aus Kirchen und Fachverbänden hatte mehrere Jahre lang rund 17.000 Liedvorschläge gesichtet und ihre Auswahl in 550 ausgewählten Kirchengemeinden erproben lassen.
In Wuppertal gehört die Gemeinde Unterbarmen zu den Erprobungsgemeinden. Dort arbeitet Kirchenmusikdirektor Jens-Peter Enk neben seiner Tätigkeit für den evangelischen Kirchenkreis als Kantor. Er kann die Kritik der VEM nicht nachvollziehen. „Wir haben in dem Gesangbuch mit seinen rund 160 Liedern zwar nur einen Teil des Liedguts erproben können, aber eine Nähe zu rechten und nationalistischen Strömungen konnte ich dort nicht feststellen.“
Daher sei seine Rückmeldung an die Gesangbuchkommission positiv gewesen, berichtet Enk. Kritik habe es nur im Hinblick auf die Tonhöhe oder -tiefe mancher Lieder gegeben, nicht aber an deren Inhalt. Gelegenheit, das neue Gesangbuch kennenzulernen, gibt es übrigens noch an zwei weiteren Terminen im September (s.u.).
VEM kritisiert Ausgrenzung bei Beteiligung
Der Vorstand der VEM - eine Gemeinschaft von 38 Kirchen aus Afrika, Asien und Deutschland sowie den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel - stellt in ihrer Stellungnahme „die Frage der Beteiligung“ ins Zentrum. Ein Gesangbuch zeige, „wer dazugehört“, es solle Brücken bauen zwischen Menschen und Kulturen. Dass Lieder aus der weltweiten Ökumene in der Liste enthalten sind, sei zwar ein guter Anfang, reiche jedoch nicht aus. Beteiligung bedeute, „dass die, die Ausgrenzung erleben, gefragt werden, bevor eine Liste veröffentlicht wird - nicht erst danach“, monierte der VEM-Vorstand.
Die EKD-Sprecherin sagte, bereits die vorläufige Liederliste enthalte zahlreiche Lieder aus unterschiedlichen kulturellen und konfessionellen Traditionen. Sie verwies darauf, dass daran hymnologische Fachleute mit ausgewiesener Kompetenz für internationale Ökumene beteiligt gewesen seien. Die Auswahl erfolge in einem „sorgfältigen fachlichen Verfahren“, bei dem die Kommission unter anderem auch mit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen im Austausch sei. Ein eigens eingesetzter Ethikbeirat unterstütze „einen verantwortungsvollen Umgang mit ethisch herausfordernden Liedern“.
Die VEM sieht ihre Stellungnahme „in einem größeren gesellschaftlichen Kontext“: Angesichts eines Rechtsrucks und des Erstarkens der AfD wachse für viele Menschen in Deutschland eine reale Bedrohung. „Umso wichtiger ist es, dass die Kirche in dieser Zeit klar Stellung bezieht und für den Schutz derer einsteht, die durch dieses System marginalisiert werden“, erklärte der Vorstand. „Wenn die evangelische Kirche in Deutschland in einer vielfältigen Gesellschaft Zukunft haben will, braucht sie international erfahrene Stimmen und Perspektiven wie unsere.“