Sein Uropa, Clemens, war ein echter Prinz – zumindest bis kurz vor seinem Tod, als die erste demokratische Verfassung in Deutschland den Adel abschaffte. Sein Opa und seine Mutter trugen den Titel nur noch im Namen, bei ihm fehlt der Zusatz.
Das ist nicht das einzig Ungewöhnliche über das neue Gesicht in der Wuppertaler Stadtspitze. Der 51-jährige Düsseldorfer Hagen Lippe-Weißenfeld wird ab kommenden September eines der Ämter besetzen, auf dem sehr viele Erwartungen liegen: Er wird neuer Dezernent für Kultur und Sport sowie Sicherheit und Ordnung.
Vorhersehbar war der Job für ihn ganz und gar nicht. Auf die Welt kommt Hagen Walter Friednand, so sein voller Vorname, knapp 270 Kilometer nördlich von Wuppertal, nahe der Nordsee, im ostfriesischen Leer. Seine Kindheit verbringt er allerdings bereits unweit seiner jetzigen Heimat: Er wächst am Niederrhein und im Münsterland auf. Sein Vater, Heyo Erke aus Mettmann, arbeitet als Theologe und Religionswissenschaftler an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der Kirchlichen in Wuppertal.
Dadurch lernen auch Hagen und seine älteren Geschwister, Björn und Eva, die Stadt kennen – sie fahren zum ersten Mal Schwebebahn. Mutter Margarete ist als Lehrerin tätig. Sie stammt aus einem der ältesten Adelshäuser Deutschlands, dem Haus Lippe – und zwar aus dessen Zweig Lippe-Weißenfeld.
Ihr Heranwachsen während der NS-Zeit ist bestens dokumentiert: Margarete wächst in einem malerischen Rittergut in Baruth in Sachsen auf. Doch ihr Vater fällt während eines Gefechtes im Zweiten Weltkrieg. Eine Anekdote besagt, dass ihre Mutter nur auf Spaziergängen über Hitler lästerte, weil eine Hausdame NS-Spitzel war. Als Zwölfjährige flüchtet Margarete mit ihrer Mama und ihrem Bruder in einer Zick-Zack-Route nach Nordrhein-Westfalen.
Genau diesen Weg fährt Hagen mit seiner Mutter Jahre später ab. Sie habe immer gesagt: „Das Beste ist, ich lebe noch.“ In den 2000er-Jahren erforschten die Eltern von Hagen Lippe-Weißenfeld die Familiengeschichte und schrieben zwei Bücher darüber. Inzwischen wohnt der 51-Jährige im ältesten Stadtteil Düsseldorfs, Kaiserswerth. Seine Frau stammt ebenfalls aus einer Adelsfamilie und ist Neurologin. Gemeinsam haben sie vier Kinder.
Am vergangenen Montag entschied sich, ob der berufliche Wechsel von Lippe-Weißenfeld von Düsseldorf nach Wuppertal vorzeitig enden wird oder starten kann. Bei einer Sondersitzung zeigten sich die Ratsmitglieder überraschend einig. Nach der Abwahl von Matthias Nocke (CDU), der das Amt 16 Jahre innehatte, gilt das bereits als kleine Sensation. Die Abstimmungsvorgänge in der „Sache Nocke“ hatten für heftige Kritik gesorgt.
Jetzt stimmten alle Mitglieder der Fraktionen von CDU, SPD, FDP/WfW und AfD für den Neuen. Leichten Gegenwind gab es durch fünf Nein-Stimmen der Linken und die Enthaltung der Grünen. Der Nein-Grund der Linken: Man traue Lippe-Weißenfeld die Themen Ordnung und Sicherheit nicht zu. Zur Gratulation gab es von den Grünen trotzdem ein Tuffi-Stofftier (Lippe-Weißenfeld: „Der stürzt nicht ab, der bleibt bei mir“) – und von der FDP das Buch von Ex-OB Schneidewind. In seiner „Gewinner-Rede“ witzelte Lippe-Weißenfeld, dass er jetzt gerne ein anderthalbstündiges Kurzreferat halten würde. Nach 20 Sekunden am Rednerpult trat er dann jedoch wieder ab.
Doch so kurzweilig dürften die Aufgaben für den Neuen in Zukunft nicht werden. Lippe-Weißenfelds Amtszeit beginnt im September gleich mit einem Knall: Die finale Ratsentscheidung über den Bau des Pina-Bausch-Zentrums an der Bundesallee in Elberfeld steht an. Bei der Umsetzung des Mammutprojekts wird er unter Beweis stellen müssen, was er kann. Derzeit werden die Kosten auf rund 161 Millionen Euro und die Bauzeit auf vier Jahre geschätzt.
Im Rundschau-Interview spricht er sich klar für die zukünftige Heimat des Tanztheaters aus. Er erklärt, dass er durch die Eröffnung des „kulturellen Leuchtturms“ auch die freie Kulturszene befruchten wolle. Und nicht nur das: Das Sinfonieorchester brauche einen neuen Probensaal und im Ordnungsamt („mehr Personal“) sowie bei den Meldebehörden („mehr Digitalisierung“) fehle es an nahezu allem.
Zudem ist er verantwortlich für die Feuerwehr, das Sportamt, Zoo und so weiter. Die Aufgaben wirkten von außen „wie in einem Gemischtwarenladen“, so Lippe-Weißenfeld in einem Interview mit WDR3. Allerdings gebe es einen gemeinsamen Nenner: „den gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Wenn Sicherheit und Ordnung gegeben seien, könnten sich Kultur und Sport entfalten.
In die Politik wollte Lippe-Weißenfeld nicht immer. Zumindest Anfang 2024 sagt er im Podcast „Redezeit Sachsen“, dass er mit den Amtsträgern „manchmal nicht tauschen möchte“. Der Druck sei enorm groß. Zudem sei immer zu wenig Geld da – in Wuppertal wird das nicht anders sein. „Die politische Kommunikation ist derartig glatt gebürstet“, sagt er. Man versuche, so wenig angreifbar wie möglich zu sein. Und das habe den „politischen Zirkus“ völlig verändert. „Charaktere, die so geredet haben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, gebe es heute praktisch kaum mehr.
Nun steigt er selbst in die politische Arena: „Wenn hier alles schon perfekt wäre, wäre ich mit Sicherheit nicht hierhergekommen. Mich reizt die Unfertigkeit der Stadt“, sagt er etwa im WDR3-Interview. Ein Weißenfeld-Lebensmotto: „Leicht kann jeder.“
Lippe-Weißenfeld ist es gewohnt, in neue Aufgabenfelder zu wechseln. Seine berufliche Karriere startete er nach einem Politik- und Wirtschaftsstudium bei der Klavierbaufirma C. Bechstein in Berlin. Danach zieht es ihn vom Piano zum Porzellan. Er wechselt als Marketing- und Vertriebsleiter zur Manufaktur KPM, deren Werkstatt zum immateriellen Kulturerbe der Unesco zählt.
2009 zieht er von der Bundeshauptstadt in die Landeshauptstadt Düsseldorf – und wird kaufmännischer Direktor und Co-Vorstand der Kunstsammlung NRW. In dieser Zeit arbeitet er zum ersten Mal mit dem Von der Heydt-Museum und dem Pina-Bausch-Tanztheater zusammen. Einmal tanzen einige aus dem Ensemble im Museum in Düsseldorf.
2016 wechselt Lippe-Weißenfeld wieder: Er wird Geschäftsführer des Architekturbüros Meyer Architekten GmbH, das etwa beim vor kurzem abgesagten Neubau des Düsseldorfer Opernhauses mitarbeitete. Zudem gründet er mit einem Kollegen die Beratungsgesellschaft „Projektschmiede“. Dabei coacht er Kultureinrichtungen, begleitet Umbauten und informiert, wie man wirtschaftlich haushaltet.
Ob Lippe-Weißenfeld in den kommenden acht Jahren die Themen zusammengesteckt bekommt, oder ob sie ihm entgleiten und zerbrechen wie Porzellan, wird sich zeigen. Zumindest sein Arbeitsethos scheint zu passen. „Ich bin eher von der Sorte: nicht lamentieren, sondern zupacken“, sagt er.