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40 Jahre Wuppertaler Rundschau: Das war (und ist) 'ne supergeile Zeit

40 Jahre Wuppertaler Rundschau : Das war (und ist) 'ne supergeile Zeit

1988, vor 30 Jahren, habe ich als freier Mitarbeiter meinen ersten Artikel für die Rundschau geschrieben. 1992 bin ich hier Redakteur geworden. Viel ist passiert, viel hat sich verändert. Aber dass es in der Rundschau immer um Menschen geht, und manchmal auch um Machenschaften — das ist so geblieben.

Mir ist nie langweilig gewesen. Weil man an der Stadt (und an ihrer Politik, für die ich fast von Anfang an mit zuständig war) immer ganz nah dran ist. Den fast anderthalb Jahre langen GWG-Prozess zu Beginn der 2000er Jahre gegen sieben Wuppertaler Prominente habe ich an beinahe jedem Verhandlungstag begleitet.

Zuvor auch ein gutes Stück des Prozesses gegen Ex-OB Hans Kremendahl. Hätte es dieses (das war und ist meine Meinung) herbeikonstruierte Verfahren nicht gegeben, hätte der beste Oberbürgermeister, den ich erlebt habe, seinen Stuhl nicht räumen müssen. Und Wuppertal sähe heute an vielen entscheidenden Stellen ganz anders aus. Nämlich besser.

Auch das 2008er/2009er Gerichtsverfahren gegen das getötete kleine Mädchen Talea habe ich für die Rundschau begleitet. Klingt unpolitisch, war es aber nicht, denn wegen der Vorwürfe gegen das Wuppertaler Jugendamt konnte Sozialdezernent Stefan Kühn einige Zeit nur unter Polizeischutz vor die Tür.

Aber auch rausgekommen aus der Stadt bin ich für die Rundschau oft: Ich war ich in Nicaragua, Namibia, Togo, China, Košice in der damaligen Noch-Tschechoslowakei, St. Etienne in Frankreich, in Auschwitz, mehrmals in Berlin — und einmal in Weil der Stadt in Süddeutschland. Dort machte der Wuppertaler Performance-Künstler Eberhard Kranemann eine Licht- und Sound-Installation zu Ehren des Astronomen Johannes Kepler. Auf jedem Radiosender lief "Verdammt, ich lieb' dich" von Matthias Reim. Verdammt, ist das lang her — 1990.

Martin Klaus und Stefan Seitz im Jahr 1992. Foto: Heinz Eschmat

Ich war in Weil der Stadt mit dem wunderbaren Heinz Eschmat, unserem Fotografen-Altmeister. Heinz war immer dabei in meinem Rundschau-Leben. Bis März 2017, als er starb. Immer wieder fehlt er: Seine sonore Stimme, diese gelassene Ruhe — und dass einer mitkommt, wenn's rausgeht zum Rauchen.

Noch jemand fehlt sehr: Martin Klaus, der mich quasi angelernt hat bei der Rundschau. Ein kleiner Mann, ein großer Journalist mit großem Herzen. Im September 1996 ist er gestorben. So bitter. So ein guter Freund.

Dass ich ihn nicht vergesse, liegt schon allein an seinem Bruder Peter Klaus. Fast 20 Jahre saßen wir zusammen im selben Rundschau-Büro. Ich war der "Stadtteil-Fritze", er ist es dann geworden. Und hat die benzinduftenden Zeiten eingeläutet, als die Rundschau echte, große, sachverständige Autotests zu bieten hatte. Peter Klaus hat die Rundschau verlassen — ein wahrer Freund ist er immer noch.

Was mag ich an der Zeitung? Dass sie Freiräume lässt. Vor vielen, vielen Jahren fiel mir auf: Wir haben gar nichts Ernstzunehmendes zum Thema Literatur aus Wuppertal. Und da gibt es viel. Ich fing also einfach damit an, Bücher zu rezensieren. So lernte ich Hermann Schulz, Karl Otto Mühl, Michael Zeller und Jochen Rausch kennen. Um nur mal die (meiner Meinung nach) "Big Four" der Stadt zu nennen. Meine liebe Ex-Kultur-Kollegin Sabina Bartholomä hat immer Platz dafür gefunden. Danke dir!

Gehört unbedingt zum Journalistenleben: Das Bild mit Telefonhörer. Der historische Hörerhalter ist etwa 20 Jahre alt, gekauft bei Illert am Kerstenplatz. Den Hörerhalter gibt’s immer noch — und Illert auch. Foto: Heinz Eschmat

Was mag ich noch? Dass die Rundschau-Redaktion sich die Freiheit nimmt, selbst zu denken. Wir sind weder schnell, und oft auch gar nicht dabei, wenn die Mehrheit zur Jagd auf jemanden bläst. Noch immer vermisse ich den 2013 vom Hof gescheuchten Schauspiel-Intendanten Christian von Treskow, sein Ensemble, seine Stückauswahl. Wie großen Spaß hat es gemacht, damals Theaterrezensionen zu schreiben! Welches Glück Wuppertal hat, dass Thomas Braus nun diese Wunden heilt, das ahnen die, die damals fast alles in Sachen Theater niedergetrampelt haben, wohl bis heute nicht.

Oder die "Entsorgung" von Tanztheater-Intendantin Adolphe Binder sowie die Kampagne gegen Ex-Rechtsdezernent Panagiotis Paschalis. Die Rundschau nahm und nimmt sich die Freiheit, selbst auf solche Fälle zu schauen. Man schwimmt dann schnell mal gegen den Strom — macht sich an manchen Stellen keine Freunde. Muss man aber auch nicht.

Streit gehört dazu, damals und heute. Aber auf Augenhöhe und mit Niveau. Hermann Josef Richter, der bissige Ex-CDU-Chef und (unterlegene) Kremendahl-Gegenkandidat ist so ein Beispiel. Was haben wir uns gezofft! Vor allem wegen des 1998 von der CDU initiierten Bürgerentscheides gegen die von der SPD geplanten "Bus-Kaps", das die "Bus-Kap"-Gegner haushoch gewannen. Heute können Richter und ich ganz entspannt plaudern. Und ich habe gelernt: Der Mann ist ein echter (kommunaler) Polit-Profi. Passend dazu: Wie sehr man Rudolf Dreßler vermisst und Axel Dirx (gestorben 2017): Echte Profis mit echtem SPD-Profil. Ist echt selten geworden ...

Zum Schluss ein Satz, der ein Licht darauf wirft, warum ich immer noch gern (Rundschau-)Journalist bin. Er stammt aus "Verlieren ist eine Frage der Methode" von Santiago Gamboa (geiles Buch!): "Alle spürten, dass in ihren Adern Druckerschwärze floss, und dass eine gedruckte Seite eine Dehnung der Zeit war ..." Klingt ein bisschen dick. Aber nur ein bisschen. Schon, weil ich nicht (wie viele Propheten) glaube, dass die Print-Zeitungen zum Sterben verurteilt sind.

Klar — es könnte sein, dass ich mich irre. Weil ich schon ein Dinosaurier bin. Also ausgestorben. Glaub' ich aber nicht.