Wie viele Menschen Renate Materne in der letzten Phase ihres Lebens schon begleitet hat, kann sie nicht mehr genau sagen. Sie zählt sie nicht, aber sie erinnert sich gut an all jene, mit denen sie intensiv geweint, gelacht, geredet, gespielt und geschwiegen hat. Ihr kleines schwarzes Notizbuch ist voller Erinnerungen, festgehalten in kurzen Notizen und Bildern, Lebensdaten und Todesanzeigen.
„Seit ich vor elf Jahren meine Ausbildung zur Hospizbegleiterin bei der Pusteblume gemacht habe, schreibe ich hier hinein, was mich bewegt, herausfordert, schmerzt und freut“, erzählt die 70-jährige Rentnerin. Manche Sterbebegleitungen füllen nur einige Zeilen, andere ganze Seiten – je nachdem, wie lang, intensiv und herausfordernd sie waren.
In der Mitte ihres Lebens hat Renate Materne selbst erlebt, was Sterben und Tod bedeuten. Als sie 43 Jahre alt war, starb ihr erster Ehemann. „Ich fühlte mich so alleine mit allem und hätte mir jemanden gewünscht, der uns in dieser schweren Zeit unterstützt und entlastet“, sagt sie. „Genau das versuche ich heute als Hospizbegleiterin.“
Die große Angst vorm Sterben
In der Regel melden sich Menschen beim ambulanten Hospizdienst, wenn sie oder ihre Angehörigen austherapiert sind und nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben haben. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren der „Pusteblume“ vermitteln sie dann an eine der rund 80 Ehrenamtlichen. Doch manchmal kann eine Begleitung auch deutlich länger dauern.
Als eine der intensivsten Betreuungen hat Renate Materne die Begleitung einer alleinerziehenden Mutter erlebt, der die Ärzte nach einer Krebsdiagnose nur noch fünf Wochen Lebenszeit gaben. „Bei meinem ersten Besuch traf ich sie völlig aufgelöst an“, erzählt die Hospizbegleiterin. „Sie hatte sehr viel Angst vorm Sterben und davor, dass für all das, was sie noch erleben und regeln wollte, keine Zeit mehr blieb.“
Bis zu ihrem Tod dauerte es dann doch zweieinhalb Jahre, in denen Renate Materne mit ihr auf der Trasse Rollschuh gelaufen und ins Eiscafé gegangen ist. Sie hat sie zuhause und im Krankenhaus besucht und dafür gesorgt, dass sie zu einer ihrer Schwestern wieder Kontakt bekam und Versöhnung möglich wurde.
Unterstützung für die Hospizbegleiterinnen und -begleiter
Davon, wie intensiv und herausfordernd diese Zeit für sie gewesen sind, erzählt auch ihr Notizbuch. „Manchmal wusste ich nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte – etwa, wenn sie mich in depressiven Phasen plötzlich nicht mehr sehen wollte.“ Ihre Ratlosigkeit und Fragen hat Renate Materne notiert, um sie bei der Supervision, die den 80 Ehrenamtlichen des Wuppertaler Hospizdienstes einmal im Monat angeboten wird, stellen zu können. „Die Supervision und das Gespräch mit anderen Ehrenamtlichen und den hauptamtlichen Koordinatorinnen und Koordinatoren hilft enorm. Niemand wird alleine gelassen – und wir lernen selbst ganz viel bei unseren Begleitungen.“
So unterschiedlich die Menschen, mit denen Renate Materne zu tun hat, so verschieden sind auch die Lebensverhältnisse, in die sie Einblick erhält. Von ärmlich eingerichteten Wohnungen bis hin zu Villen reicht das Zuhause, in das sie eingeladen wird, von alleinstehenden Menschen ohne soziales Netz bis zu solchen, die Partner, Familie und Freunde haben. Der Großteil der Menschen, die Renate Materne betreut, sind zwischen 40 und 70 Jahre alt.
Ein erfülltes Leben hilft beim Sterben
Wann fällt es leichter zu sterben und wann ist es besonders schwer? Einfach beantworten lässt sich diese Frage nicht, meint die Hospizbegleiterin. „Aber ich beobachte, dass sich Menschen, die ihr Leben als erfüllt und sinnvoll ansehen, leichter verabschieden können.“
So erinnert sie sich an eine Frau Anfang 60, die ihrem Sterben erstaunlich gelassen entgegensehen konnte, aber sich Sorgen um einen Angehörigen machte. „Ihr konnte ich helfen, indem ich ihr das Versprechen gab, mich um ihn zu kümmern.“ Mit einer 72-jährigen Frau, die sie bis zu deren Tod betreut hat, führte sie viele Gespräche über Kunst und Musik. „Sie hat mich nicht nur mit ihrem Wissen beeindruckt, sondern auch mit ihrer gelassenen Lebenshaltung.“
Als Hospizbegleiterin gebe sie den Menschen nur Zeit, Empathie und ein offenes Ohr, bekomme dafür aber sehr viel zurück, sagt Renate Materne. Bei allem Leid und Schmerz erlebe sie erstaunlich viel Offenheit, Ehrlichkeit und Tiefe. „Das hat auch mein eigenes Leben verändert. Ich lebe intensiver, bewusster und zufriedener.“