Interview mit Eva Platz und Hendrik Bartels Tote Innenstädte? „Nein, hier nicht“

Wuppertal · Eva Platz (Vorständin der Wuppertaler Wirtschaftsförderung) und der neue Citymanager Hendrik Bartels sprechen im Interview mit Rundschau-Redakteur Tomas Cabanis über fehlende Ladengrößen, kleine Leerstände und Hängebalkone über der Wupper.

Blick auf den Barmer Werth.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Simone Bahrmann

Rundschau: Einige Leser sagen, dass sich die zwei Innenstädte Wuppertals in einer Abwärtsspirale befinden. Sind sie etwa bereits tot, am Beatmungsgerät oder im Krankenbett?

Eva Platz: „Die Innenstädte sind nicht krank, sie befinden sich im Wandel. Durch die Baustellen gibt es gerade zwar Einschränkungen, aber danach wird es besser. Wenn Sie einen menschlichen Vergleich suchen, könnte man sagen, Wuppertal trainiert gerade im Gym.“

Hendrik Bartels: „Es gibt natürlich Luft nach oben, aber wir haben eine unheimlich gute Frequenz. Vormittags, mittags, nachmittags – es ist immer viel los. Das kenne ich von vielen anderen Städten so nicht. Da sind wir auf einem ganz anderen Level. Unsere Zentren sind somit überhaupt nicht tot. Sie sind lebendig und lebensfroh. Wenn Sie den menschlichen Vergleich wollen, könnte man vielleicht sagen, dass sie sich gerade einigen Schönheitsoperationen unterziehen.“

Rundschau: Schlendern Sie denn selbst ab und zu durch Wuppertal?

Beide: „Selbstverständlich.“

Eva Platz: „Schon als ich noch nicht in Wuppertal gearbeitet habe, bin ich aus Essen hergefahren, um in einer meiner Lieblingsboutiquen zu shoppen. Entdeckt habe ich den Laden durch eine Freundin, die hier wohnt – regelmäßige Kundin bin ich seit mehr als zwanzig Jahren.“

Hendrik Bartels: „Ich schlendere gerne durch die Stadt, und mir fällt auf, dass ich erst jetzt immer kritischer werde – weil ich jetzt auch beruflich damit zu tun habe. Mir gefällt es hier sehr gut. Ich ziehe mit meiner Familie ja nicht freiwillig in eine Stadt, die ich nicht mögen würde.“

Rundschau: Was läuft in Wuppertals Innenstädten heute schon gut?

Eva Platz, Vorständin der Wuppertaler Wirtschafsförderung, und Hendrik Bartels, der dort seit 1. Mai als Projektmanager Einzelhandel & Innenstadt arbeitet, wollen die Wuppertaler Innenstädte voranbringen.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Tomas Cabanis

Hendrik Bartels: „Etwa der Nutzungsmix, also wie vielfältig die Gebäude bespielt werden. Das ist besser als in vielen anderen Städten. Da fällt mir direkt die Bundesbahndirektion ein, die seit der Neueröffnung Ende des vergangenen Jahres mit Straßenverkehrs- und Einwohnermeldeamt ein wichtiger Frequenzbringer für Elberfeld geworden ist. Andere Beispiele sind etwa die Uni-Räume in der Rathaus-Galerie oder das Schwebodrom in Barmen. Und: Welche Stadt kann von sich behaupten, dass der Bahnhof in direkter Linie an die Innenstadt angebunden ist? Man läuft über keine Straße, über keine Ampel.“

Rundschau: Barmen oder Elberfeld – wer hat die bessere Innenstadt?

Eva Platz: „Diese Frage stellt sich für mich nicht. Bei der geografischen Ausdehnung der Stadt empfinde ich zwei Zentren als gar nicht schlecht. Die zwei Zentren sollten jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Wichtig ist, dass sie sich weiter differenzieren und mit unterschiedlichen Ausrichtungen Mehrwert schaffen.“

Rundschau: Der Online-Handel hat immer offen, es hat immer alles, man kann Preise vergleichen – und muss dafür nicht einmal das Sofa verlassen. Warum sollten Wuppertaler noch in die Innenstadt gehen?

Hendrik Bartels: „Rational einkaufen kann man theoretisch auch online – das brauchen wir nicht wegreden. Trotzdem möchte ich appellieren: Man hat als Konsument eine Wahl. Und wenn man die Wahl zwischen online und stationär hat, dann plädiere ich dafür, es in der Innenstadt zu tun – vor allem an alle, denen etwas an den Zentren liegt.“

Eva Platz (nickend): „Ich sehe das genauso. Ich mag es, mir ein Produkt direkt anzusehen, anzufassen und mich persönlich beraten zu lassen. Der Einzelhandel ist zusammengenommen ein ganz großer Arbeitgeber in unserer Stadt.“

Rundschau: Ist das Problem der Innenstädte, dass der Mensch in erster Linie Konsument ist?

Eva Platz: „Wenn ich ehrlich bin: Ich könnte Ihnen keine einzige Stadt benennen, in der große konsumfreie Orte in der Innenstadt gut funktionieren. Ich sehe es so, dass es einer Innenstadt nicht unbedingt hilft, wenn man nur Möglichkeiten schafft, sich aufzuhalten. Die Innenstadt muss auch in Zukunft als wichtiger Wirtschaftsfaktor betrachtet werden. Daher könnte man auch ganz plakativ sagen: Mehr Bänke allein helfen uns nicht weiter.

Blick in die Elberfelder Fußgängerzone.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Tomas Cabanis

Rundschau: Ein berühmtes mexikanisches Sprichwort heißt: „Bauch voll, Herz zufrieden“. Dabei hat Wuppertal kein einziges mexikanisches Restaurant mehr. Hat keiner mehr Lust, ein Restaurant zu öffnen?

Hendrik Bartels: „Doch – nur nicht mehr das klassische Restaurant, das leidet seit Jahren. Dafür boomt die Gastronomie an anderer Stelle: Gefühlt ploppt jeden Tag ein neues Konzept auf, und viele davon expandieren. Hier übersteigt die Nachfrage nach Ladenflächen sogar das Angebot – anders als beim Einzelhandel.

Rundschau: Man hört oft: schon wieder ein Dönerladen, schon wieder eine Burgerbude. Wo ist die Vielfalt hin?

Hendrik Bartels: „Den Laden-Mix würden die meisten Städte gern stärker steuern. Aber der Markt steuert den Markt. Wir müssen hier viel stärker mit den Immobilien-Eigentümern in die Zusammenarbeit kommen, um etwas bewirken zu können.“

Eva Platz: „Das ist ein ganz großes und komplexes Thema, weil die Besitzverhältnisse der innerstädtischen Immobilien sehr weit gestreut sind. Aber wir brauchen ein starkes gemeinsames Interesse, um den Standort nachhaltig qualitativ zu entwickeln.“

Rundschau: Mit welchen großen Marken sind Sie derzeit im Gespräch?

Hendrik Bartels: „Das ist natürlich vertraulich. Allerdings möchte ich mal betonen, dass ich bislang kein Gespräch hatte, in dem es hieß, Wuppertal sei für sie nicht relevant. Die Unternehmen spiegeln stattdessen zurück, dass sie keine passende Fläche finden würden. Interessante Einzelhandelskonzepte, die aktuell expansiv sind, benötigen in der Regel Ladengrößen von ein- oder zweitausend Quadratmetern.

Solche Flächen sind hier kaum am Markt. Manchmal sind Obergeschosse frei, aber jeder Neuansiedler will Schaufenster und Eingang im Erdgeschoss. Hier gilt es dann auch wieder die Eigentümer der Immobilien einzubinden und zu schauen, ob bauliche Veränderungen und entsprechende Investitionen denkbar sind, um zum Beispiel ungenutzte Obergeschosse interessant zu machen. Das ist natürlich ein längerer Weg, der aber ein ganz wichtiger Baustein unserer Arbeit sein wird.“

Rundschau: Wie hoch ist denn der Leerstand aktuell?

Hendrik Bartels: „Das ist schwierig zu messen, weil die Entwicklung so dynamisch ist. Deshalb arbeiten wir gerade an einem digitalen Leerstandsmanagement, um immer aktuelle Zahlen zu generieren. Das ist ein wichtiges Projekt, das ich als aller erstes gestartet habe.“

Rundschau: Was für Ideen haben Sie für Wuppertal?

Eva Platz: „Ich würde gerne unsere schöne Wupper mehr mit der Innenstadt verbinden. Ein Fluss, der mitten durch die Stadt fließt, ist ein großer Vorteil, den wir besser ausspielen müssen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte: Hängebalkone über der Wupper für unsere Gastronomie – das wäre es. Jedes Mal, wenn ich am Fluss entlanglaufe, denke ich: Wieso sitzt hier eigentlich keiner? Es heißt dann immer, das gehe nicht, weil bis ans Ufer heran gebaut ist. Aber dann hängt man sich eben einfach drüber – wie die Schwebebahn.“

Hendrik Bartels: „Grundsätzlich gibt es viele Best Practices in Städten, und nach links und rechts zu schauen ist extrem wichtig – das gibt nötige Impulse. Aber eins zu eins übertragen lässt sich das meiste sowieso nicht, weil jede Stadt anders ist. Einzelne Konzepte hervorzuheben, fällt mir deshalb schwer.“

Rundschau: Um was geht es dann?

Hendrik Bartels: „Es geht um drei Punkte: Erstens der Nutzungsmix: Man muss schauen, mit welchen Unternehmen man das Angebot sinnvoll ausbauen kann. Wie gesagt, entscheidet das in großen Teilen der Markt, aber wir müssen es bestmöglich positiv begleiten. Dabei wird es sehr viel um Verfügbarmachen von mittelgroßen Flächen gehen. Zweitens, wir haben viel kleine Leerstände, bei denen Filialisten und Expansionisten nicht einziehen werden – da braucht man etwa lokale Gründerinnen und Gründer, die anmieten wollen.

Übrigens sind es genau diese kleinen Leerstände, die jedem auffallen, der durch ein Zentrum geht. Hier arbeite ich bereits an neuen Formaten, um das Thema Neugründungen anzukurbeln. Jeder der bereits mit dem Gedanken spielt, in unseren Zentren zu gründen, kann sich sehr gerne bei uns melden. Und drittens, die Aufenthaltsqualität muss gesteigert werden.“

Rundschau: Gibt es Vorbilder – eine andere Stadt, ein Konzept, ein Projekt – für Sie?

Hendrik Bartels: „Düsseldorf etwa. Dort gelingt es, den Erlebniswert so zu gestalten, dass die Menschen freiwillig hinfahren – nicht, weil sie etwas erledigen müssen, sondern als Freizeit- und Erlebnisthema, um ihre Zeit dort zu verbringen. Das entsteht aber nicht durch ein einzelnes Restaurant oder Geschäft, sondern durch viele verschiedene Faktoren. Denn wenn man genauer hinschaut, ist dort auch nicht alles Gold, was glänzt – ein guter Teil ist einfach das Image.“

Rundschau: In Barmen gibt es 2026 zwei verkaufsoffene Sonntage, in Elberfeld keinen einzigen. Warum gibt es so wenige?

Eva Platz: „Die Hürde für eine Genehmigung ist sehr hoch. Er muss laut Gesetzgebung immer an eine Veranstaltung gekoppelt sein, die einen besonderen Anlass darstellt. Und wegen der beiden Zentren in Wuppertal reicht ein Anlass in der Regel nicht aus, um für die ganze Stadt zu gelten. Aber dass Wuppertal in der Vorweihnachtszeit keinen verkaufsoffenen Sonntag hat und diesen Umsatz auslässt, ist für unseren Einzelhandel und unsere Gastronomie schade.“

Hendrik Bartels: „Auch für die Standortvermarktung ist das ein Faktor: Jeder zusätzliche Umsatztag ist ein zusätzliches Argument bei der Ansiedlung – und genau das fehlt uns.“