1. Kultur

Wie aus einer fernen Welt

Wie aus einer fernen Welt

"Das Haus ohne Spiegel": Sieben Erzählungen des Kosovo-Albaners Arber Shabanaj, der in Wuppertal zu Hause ist.

Albanien war und ist immer noch ein Stück unbekanntes Europa. Das gilt ebenso fürs Kosovo. Diese Region, die erst zu Jugoslawien, dann zu Serbien gehörte, in der Folge des 1999er Kosovo-Krieges im Jahr 2008 ihre Unabhängigkeit erklärte und heute als Republik agiert, liegt mit ihrer Hauptstadt Priština zwischen Serbien, Montenegro, Albanien und Mazedonien — und hat einen bis heute nicht komplett geklärten völkerrechtlichen Status.

Der 1970 in Gjakovë im Kosovo geborene Biologe und Jurist Arber Shabanaj floh 1991 unter dem Druck des serbischen Regimes, das die Albaner brutal ausgrenzte, aus seiner Heimat, lebt und arbeitet heute in Wuppertal — und verarbeitet die Erinnerungen an seine und die Geschichte seiner Herkunftsregion durch Schreiben.

Sein Buch "Das Haus ohne Spiegel" versammelt auf 104 Seiten sieben Erzählungen, die von politischen und gesellschaftlichen Stufen handeln, die die Albaner (im Kosovo) in der jüngsten Geschichte erlebt haben. Shabanajs Themen und Bilder wirken wie aus einer fernen Welt. Wer sich allerdings darauf einlässt, erhält Seite für Seite eine immer klarere Vorstellung von einer Region, die nur einen Steinwurf von der Adria entfernt liegt.

Die Demontage eines technischen Betriebes durch die eigenen Beschäftigten, die erzwungene, unterqualifizierte Arbeit, die ein Ingenieur annehmen muss, um zu überleben, die Abhängigkeit des beruflich-künstlerischen Erfolges von einer bestimmten Parteizugehörigkeit: Diese Texte markieren das Themenfeld der politischen Realitäten, die früher galten und heute noch nachwirken.

Doch vor allem die (zwischen-)menschliche Emotionalität spielt in Arber Shabanajs Erzählungen eine große Rolle: So etwa im Titel-Text "Das Haus ohne Spiegel". Hier und darüber hinaus steht immer wieder die Liebe im Vordergrund, die sich (trotz scheinbarer Unmöglichkeit) nicht beirren lässt.

Die Handlungen entwickeln sich auf verschlungenen Pfaden voller Hindernisse: Auch dabei werfen die Erzählungen Lichter auf gesellschaftliche Verhältnisse, die sich "weit weg" anhören — und doch im Südosteuropa des 21. Jahrhunderts spielen. Intensive Gefühlsschilderungen und ein hoher Anspruch an einen poetischen Ton prägen die Texte. Wer Shabanajs Wege mitgeht, erhält ein Bild, das kein politisches oder gesellschaftswissenschaftliches Seminar liefern kann.

Shabanajs Texte klingen streckenweise seltsam "altertümlich". Der Autor sagt, er habe — trotz der langen Zeit, in der er als nur geduldeter Asylbewerber unter höchst problematischen Umständen in Deutschland lebte — nie einen Sprachkurs besucht. Angesichts dessen ist sein Umgang mit der deutschen Sprache auf literarischem Niveau erstaunlich. Die sieben Texte von "Das Haus ohne Spiegel" halten den Leser fest. Und wenn das Buch zugeklappt ist, klingen die Erzählungen noch lange nach.