"1980" von Pina Bausch: Momente des Abschieds

"1980" von Pina Bausch : Momente des Abschieds

An vier Abenden war jetzt im Opernhaus "1980" von Pina Bausch zu sehen. "Dieses Stück Rasen ist elf Küsse breit." Ditta Miranda Jasjfi vermisst die Welt in der wundersamen Art, wie sie wohl nur bei Pina Bausch erfahrbar wurde.

Es bleibt freilich ein einsames Küssen, ohne Partner, in diesem Stück voller Abschied.


"1980" entstand im Frühjahr 1980 kurz nach dem Tod von Rolf Borzik, dem kongenialen Bühnenbildner und Lebensgefährten Pina Bauschs. Es steckt, so scheint es, eine ganze Menge Trauerarbeit darin. Julie Shanahan singt mangels Gesellschaft ein Geburtstagsständchen für sich selbst: "Happy Birthday to me". Die Sehnsucht nach der Kindheit wird zum bestimmenden Motiv. Brahms‘ Schlaflied "Guten Abend, gut‘ Nacht" erklingt in zwei vor Kitsch nur so triefenden Einspielungen. Ein Zauberer führt Kunststücke vor. Es gibt Kinderspiele, man stimmt wie beiläufig einen Schlager an: "Jeden Tag schwimmt das Glück übern Ozean, und die Liebe, die fährt mit da an Bord." Man mag nicht an dieses Glück glauben.

Es gibt nach der Pause auch zunehmend komische Momente, die für einen Augenblick (aber nicht dauerhaft) Befreiung schaffen. Irgendwie muss dieses Leben halt weitergehen. Neben dem Abschiednehmen ist die Frage des Alterns, als Spiegelbild der Sehnsucht nach der Kindheit, ein Thema von "1980" — und das wird in der aktuellen Besetzung dieser Wiederaufnahme überdeutlich.

Barbara Kaufmann, Nazareth Panadero (sie hat tatsächlich schon in der Uraufführung vor 38 Jahren getanzt), Héléna Pikon, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak — die "grandes dames" des Wuppertaler Tanztheaters sind allesamt herausragende Tänzerpersönlichkeiten — und nicht zuletzt, weil "1980" technisch nicht allzu fordernd ist, bewältigen sie die Choreographie mühelos.
Aber ihnen fehlt der Gegenpol, eben die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die mit Macht nachdrängen. Die bewegende, trotz ihrer Länge von mehr als dreieinhalb Stunden fesselnde und umjubelte Aufführung zeigt also auch, wie wichtig es ist, dass alsbald eine junge — und selbstbewusste — Generation die tragenden Rollen einfordert, bevor das Wuppertaler Tanztheater Museum seiner selbst wird.

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