Kritik „Der Geizige“ Gollum und goldene Leggings

„Der Geizige“ : Gollum und goldene Leggings

Moliere – das ist lange her. Sein Komödienklassiker „Der Geizige“ kam 1668 auf die Bühne. Seither hat sich viel verändert, die Bedeutung des Geldes und seiner Macht über Menschen allerdings nicht. In Wuppertal brachte Regisseur Alexander Marusch „Der Geizige“ jetzt als bunt-barocke 110-Minuten-Inszenierung ohne erhobenen Zeigefinger auf die Bühne im Opernhaus. Die Zeit vergeht wie im Flug – und am Ende ist alles ein bisschen arg schnell vorbei.

Der vom Geiz und der Angst, jemand könnte ihm sein sauer verdientes 100.000er-Vermögen stehlen, zerfressene Harpagon regiert als Patron mit harter Hand seine Vater-Sohn-Tochter-Tourneetheatertruppe. Vater Harpagon beherrscht seine Kinder, denen er keine selbstbestimmte Liebeszukunft gönnt, beherrscht sein Theater- und Hauspersonal.

Stefan Walz in der Rolle des Harpagon beherrscht die Bühne: Groß, körperlich und stimmlich sehr präsent, spielt er den Geizigen so intensiv und facettenreich, dass man ihm seine durch den starren Blick aufs Geld ganz gefühllos gewordene Art gar nicht recht übel nehmen mag.

Seinem Sohn Cléante (Martin Petschan – große Klasse!) will er dessen geliebtes Mädchen Mariane (Luise Kinner) für sich selbst vor der Nase wegschnappen. Seiner Tochter Èlise (leider immer irgendwie im Hintergrund – Julia Meier) hat er einen italienischen Kaufmann als Ehemann ausgesucht: Schlechte Chancen für Schauspieltruppenmitglied Valère (Alexander Peiler), der die Tochter liebt, und sie ihn übrigens auch. Zwischen diesen allen hin und her unterwegs ist ein großartiger Thomas Braus als mal schleimig unterwürfiger, mal hinterhältig berechnender Diener. Viel zu tun hat die sieben Rollen spielende Philippine Pachl mit atemberaubender Gold-Leggins und Amy-Winehouse-Frisur. Dass man ihr allerdings einmal kölschen Dialekt, dann später Berliner Slang verordnet hat, wirkt eher aufgesetzt. Das ist ein bisschen zu viel Karneval.

Apropos Karneval: Der Wuppertaler „Geizige“ präsentiert sich als wahre Kostüm-Orgie á la Punk-Barock mit einem Schuss Comic-Karikatur. Das alles spielt sich im wechselnden Licht einer Bühne ab, die von einer Holzlatten-Drehstellage und einer überdimensionalen Andy-Warhol-Campbell-Suppendose bestimmt wird. Schräge, gegen den Strich gebürstete Einfälle von Gregor Sturm, der für Bauten und Bekleidung verantwortlich zeichnet: großes Kompliment!

Gespielt wird mit Körpereinsatz, rasanten Auftritten und Abgängen, Live-Klamottenwechseln, plakativer Gestik und Mimik, bewundernswerter Textsicherheit bei streckenweise abenteuerlich verschachtelten Dialogen – und immer wieder mit Komik en gros und en detail: Stefan Walz nimmt bei der Suche nach der am Ende doch tatsächlich verschwundenen 100.000er-Schatulle das Publikum mit ins Boot – und wenn Thomas Braus als einzig wahrer Wuppertaler Gollum mit der Geldkassette in der Hand „Der Schatz!“ ausruft, ist kein Halten mehr im ehrwürdigen Opernhaus.

Nicht recht zum Tragen kommt die böse Dimension der Todsünde Geiz. Aber das Stück ist ja auch keine Tragödie mit eingebautem Katharsis-Reinigungsprogramm, sondern eine Komödie.

Zumal zum turbulenten und (siehe Vorspann) sehr plötzlichen Schluss doch alles gut wird: Der italienische Kaufmann tritt auf, verloren geglaubte Verwandtschaften werden sichtbar, die jungen Leute, die sich lieben, können einander heiraten, das verschwundene Geld ist auch wieder da – Harpagon bleibt zwar allein, aber immerhin reich.

Sagen wir’s mit einer Textabwandlung von Marius Müller-Westernhagens Song „Freiheit“: Das Stück ist gut gemacht, und es wurde viel gelacht.

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