Hart, heftig, abgründig

Hart, heftig, abgründig

Oft sind sie harmlos, lieblich und weichgespült, die Krimis mit Lokal-Kolorit. Das kann man Andreas Hahns "Hungerkind" bestimmt nicht vorwerfen. Zwei verwahrloste Kinder, eines davon verhungert, in einer verschlossenen Wohnung.

Von der Mutter fehlt jede Spur. Hochrangige Mafia-Mitglieder, die grausam hingerichtet werden. Eine russische Prostituierte, die sich große Sorgen um ihr Freundin macht. All das scheint zuerst nichts miteinander zu tun zu haben. Hat es aber doch.

Andreas Hahn lebt in Wuppertal, hier spielen auch seine Texte. Foto: DiJana

Andreas Hahn (* 1970) schickt in seinem 280-Seiten Roman "Hungerkind" Kriminalkommissarin Mirjam Stelzer, den vom Dienst suspendierten BKA-Beamten Klaus Fretzer sowie LKA-Mann Roman Klimaczek in Wuppertal auf die Reise in ein dunkles Netz aus Drogen, organisiertem Kindesmissbrauch, Prostitution und Korruption, in dem auch hochrangige Persönlichkeiten schmutzige Rollen spielen.
Der Text beginnt auf hohem Niveau: Die eindringliche Schilderung des Versuches eines fünfjährigen Mädchens, sich selbst und den nur wenige Monate alten Bruder in einem verschlossenen Zimmer vor dem Verdursten und Verhungern zu retten, fesselt stark. Das Geflecht von Abgründen, das Hahn in der Folge immer weiter und weiter wachsen lässt, ufert zwar aus, bleibt aber stets auf dem Boden dessen, was (leider) tatsächlich vorstellbar und (von der Polizei aufgedeckt) auch immer wieder Realität ist.

Bei der Darstellung sexueller Gewalt erspart Hahn, wenn es um Kindesmissbrauch geht, seinen Lesern ebenso wenig, wie wenn er die üblen Folterkörperverletzungen, die die Mutter der oben erwähnten beiden Geschwister erdulden muss, Wort-Wirklichkeit werden lässt. Im US-Crime-Genre würde man das "hardboiled" nennen. Die Liebe und körperliche Nähe zwischen den Polizisten Mirjam Stelzer und Klaus Fretzer dagegen bleibt stets nur angedeutet. Diese Passagen liefern echte Lese-Erholung im Vergleich zum Rest des Buches.

Hahn gelingen sehr eindringliche Personen- und Ereignisschilderungen. Der Text hat kaum Hänger — bis auf eine deutlich zu ausufernde Schilderung der wirtschaftlichen Machtübernahmepläne des russischen Mafia-Paten, der in "Hungerkind" eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Und einem Marihuana-Dealer den Namen Mario Juana zu geben, hat höchstens Kalauer-Niveau.

Ansonsten: Sehr dicht, sehr kompakt — alles treibt schnell nach vorn. Kaum etwas, das hier geschieht, wirkt an den Haaren herbeigezogen. Siehe oben: Für Krimis mit Lokal-Kolorit hat das Seltenheitswert.