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Goethes „Stella“ in Wuppertal​: Eins, zwei, drei – was ist die Liebe?​

Goethes „Stella“ in Wuppertal : Eins, zwei, drei – was ist die Liebe?

Eine Beziehung zu dritt – funktioniert das eigentlich? Ein weites Feld. Goethe hat in seinem Frühwerk „Stella. Ein Schauspiel für Liebende“ 1774 den Anklang einer Utopie dazu entworfen. Aber zu früh für damals ...

... denn was der Dichter da gedacht hatte, war seinerzeit undenkbar. Auf öffentlicher Bühne jedenfalls. Erst 1806 wurde das Stück uraufgeführt. Mit anderem Schluss – und dem neuen Titel „Stella. Ein Trauerspiel“. Da merkt man gleich: Das mit der Beziehung zu dritt geht schief.

Das Wuppertaler Schauspiel hat jetzt für seine letzte Produktion vor der Sommerpause – inszeniert von Stefan Maurer und als Kooperation mit dem Luxemburger Nationaltheater – die Urfassung auf die Bühne des Theaters am Engelsgarten gebracht. Und doch ist es – siehe Schluss – nicht die Urfassung allein.

Die junge Lucie (Maditha Dolle), die mit ihrer Mutter Cäcilie (Julia Wolff) reist, soll in die Dienste von Stella (Nora Koenig aus Luxemburg) treten. Die trauert seit Jahren um Fernando, der sie nach wilder Ehe verließ. Seine echte Ehefrau ist Cäcilie, Lucie seine Tochter. Beide hat er ebenfalls verlassen. Von ihrem sehr gemeinsamen Schicksal ahnen Stella und Cäcilie nichts. Bis Fernando (Thomas Braus), der Stella wiedersehen will, plötzlich auftaucht ...

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Von nun an geht es rund im außergewöhnlich reduzierten Pril-Blumen- und Tuchvorhang-Bühnenbild (Luis Granninger, auch Kostüme), in dem noch ein paar orangefarbene Plastikstühle munter hin- und hergeschoben werden. Aus der ruhigen Wirtshaus-Szenerie, die zu Anfang vom verschmitzt gut aufgelegten Luxemburger Gast(-Wirt) Germain Wagner wie eine Mischung aus „Zum Blauen Bock“ und dem „Literarischen Quartett“ serviert wird, entwickelt sich – mit etwas nötigem Anlauf – ein ziemlicher Sturm der Leidenschaften.

Zuvor geben sich schon im Wirtshaus die wunderbare Maditha Dolle mit attraktivem feministischem Selbstbewusstsein und der angesichts dessen schwer verwirrte Thomas Braus (nicht ahnend, dass sie Vater und Tochter sind) ein Stelldichein – und blitzende Kostproben ihres Könnens. Dann aber, siehe „ziemlicher Sturm der Leidenschaften“, begegnen sich Stella und Fernando. Endlich. Und dieses „endlich“, das spürt man.

Was Thomas Braus in hautengem Rot und Nora Koenig in körperbetonter Paisley-Schlaghose-Weste-Kombination á la mondäner Filmstar da auf und unter dem Bühnenbodentuch präsentieren, ist schon großes Kino: Ihm glüht der Liebeshunger in den Augen, sie sendet laszive Erotiksignale.

Und weil das so dicht ist, fällt die Begegnung von Fernando und Cäcilie, in der er plötzlich seine Frau erkennt, deutlich ab. Dass er mit ihr (und Tochter) heimlich abreisen und Stella verlassen will, mag man ihm nicht recht abkaufen. Julia Wolff spielt diese Cäcilie warmherzig und voll konzentrierter Zärtlichkeit. Doch gegen die raumgreifende Präsenz von Stella kann sie nicht an.

Und doch ist es zum Schluss gerade Cäcilie, die einen Vorschlag in den Raum stellt, der alles verändern kann ... Es ist ja nicht so, dass hier explizit eine gleichberechtigt liebende Menage-à-trois formuliert wird. Aber die Chance dazu liegt in der Luft. Damals ein Skandal. Heute nicht mehr?

Apropos Schluss: Die Wuppertaler Inszenierung, die zwischen den Stückteilen auch immer wieder mit pumpenden Sounds und passenden Tanzeinlagen punktet, mischt die beiden „Stella“-Schlüsse in rasanter Geschwindigkeit. Es wird selbstmörderisch geschossen, wieder aufgestanden, sich zu dritt zusammengefunden, wieder geschossen, wieder aufgestanden ...

Und dann kommt Germain Wagner und erzählt mit unnachahmlichem Augenzwinkern den Witz von dem Mann, der zum Psychiater geht, und dem Arzt sagt, sein Bruder glaube, er sei ein Huhn. Kennt man vielleicht noch aus Woody Allens „Stadtneurotiker“. Die Pointe wird nicht verraten, aber es geht um die Liebe. Na klar.

Glauben Sie nicht? Dann nichts wie rein in diese Wuppertaler „Stella“ – ein auf 90 Minuten komprimiertes starkes Stück Goethe. Den 248 Jahre alten Stoff hat Regisseur Stefan Maurer mit einem Klasse-Quintett auf der Bühne modern und packend gegen den Strich geschrubbt.