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Aus dem Tagebuch der Redaktion: In einem Taxi mit Herrn Rausch ...

Aus dem Tagebuch der Redaktion : In einem Taxi mit Herrn Rausch ...

Bei der Rundschau bin ich ja der Literatur-Fritze. Und der einzige, der einen Taxischein hat. Der stammt von 1984. Da war ich, ohne Navi und Digitalfunk, ein Jahr lag tags und nachts im stützstrumpfbeigen Wagen kreuz und quer durch Wuppertal unterwegs.

Eins meiner Lieblingslieder von damals war "In einem Taxi nach Paris" von "Felix de Luxe". Fand ich sehr cool — und ließ mich hoffen, es steigt mir mal einer (besser: eine) ein, um nach Paris gefahren zu werden. Ist natürlich nie passiert. Meine weiteste Tour führte nach Wipperfürth.

Das Cover. Foto: Berlin-Verlag

Viel länger als ein Jahr, nämlich sieben, im Taxi (als Fahrgast) unterwegs war Jochen Rausch für sein neues Buch. "Im Taxi. Eine Deutschlandreise" heißt es. Drin stecken 120 Protokolle, die aus Gesprächen mit mehr als 200 Taxifahrern in ganz Deutschland entstanden sind. Nein — nicht einfach nur Protokolle. Jeder dieser 120 Texte, alle sind sie nur exakt eine Seite lang, ist ein Stück Live-Literatur. Oder ein Menschen-Moment. Weil man die Wirklichkeit nicht erfinden kann — und sie nur erfährt, wenn man fragt. Rausch hat gefragt. Immer kurz nach dem Losfahren, immer vorsichtig, immer zurückhaltend. Die Antworten der Fahrer (und Fahrerinnen) erzählen vom ganzen Spektrum des Lebens. Traurig, schräg, witzig, haarsträubend, berührend. Von Männern und Frauen, von ihren Familien, von Schicksalen, von Deutschland, von anderen Ländern, aus denen die Fahrer kommen, vom Krieg, von Krankheit, von Liebe. Und von einem Beruf, der immer noch einer der seltsamsten der Welt ist.

Nehmen wir beispielhaft den ersten Text, den 60. (weil er die Mitte markiert) und den letzten. Los geht's schon mit einem Paukenschlag: "Wo ich herkomme" erzählt in 24 Zeilen ein ganzes Leben — und bringt ganz viel vom aktuellen Deutschland auf den Punkt. Text Nr. 60 namens "Rente" fokussiert das Sozialsprengstoffthema Alter — bitter, lakonisch, großartig. Und zum Schluss setzt "Sarde" einen starken Akzent in Sachen Leben im fremden Land Deutschland und dem Heimweh, das nie aufhört.

Dieses Buch ist wunderbar durchkomponiert, jeder Text ebenso. Alles auf den Punkt. Immer. Von allen, die in Wuppertal schreiben, kann Jochen Rausch das am besten. Hier nimmt er sich ganz zurück, zugunsten der Ich-Form der Taxifahrer. Rausch hat seine Gespräche aus der Erinnerung aufgezeichnet — und sie, wenn nötig, "sprachlich angepasst", wie er sagt. Das hat er aufsehenerregend gemacht — mit großer Anteilnahme, großer Achtung vor seinen Gesprächspartnern, mit dem Feeling eines echten Schriftstellers.

"Im Taxi" zeigt unser Land und seine Menschen "in echt". Das gefällt einem nicht immer. Wie sollte es auch?

"Im Taxi" ist eine menschliche (und immer wieder auch politische) Textsammlung. Dieses Buch ist ein Dokumentarfilm. Es steckt voller Bilder. Und es klingt. Auf ganz eigene Weise. Man muss es (sich) vorlesen. Ein Dokumentarfilm auf Papier. Absolut Rausch.

Berlin-Verlag, 9 Euro.