Aus dem Tagebuch der Redaktion: Charmedefensive

Aus dem Tagebuch der Redaktion : Charmedefensive

In den letzten Wochen sind beim Handball mehrfach Leute auf mich zugekommen und haben gesagt, sie wollten sich einfach mal für die spannenden Liveticker bedanken, die wir ihnen bei den Spielen des Bergischen HC bieten.

Das war sehr nett und ist eine schöne Ermunterung für mich und die gelegentlich ebenfalls im Liveticker-Einsatz befindlichen Kollegen Jörn Koldehoff und Thomas Schulz. Immerhin ist der Aufwand für diese hautnahe Form der Berichterstattung nicht ganz gering und manchmal ziemlich nervenaufreibend. Speziell wenn man die Anreise mit der Deutschen Bahn plant.


Kollege Schulz beispielsweise erzählt gerne von der Verspätungsnervenschlacht bei der Anreise nach Nürnberg zum BHC-Gastspiel beim HC Erlangen, die beinahe zum ersten Komplettausfall in der Tickergeschichte geführt hätte. Oder vom Vergnügen, während der Bahnsperrung in den Osterferien die Weltreise auf Schienen nach Flensburg zu planen.

Ich dagegen kann Ihnen vom Versuch berichten, auf dem Höhepunkt des Abstiegskampfes am Pfingstsonntag nach Magdeburg zu fahren. Auf dem Papier bietet die Bahn hierfür eine komfortable Verbindung in 3:40 Stunden mit einmal Umsteigen in Hannover an. Mit dem Auto bräuchte man länger. Da kann man nicht meckern und außerdem auch noch im Zug arbeiten, weil in den ICEs ja jetzt WLAN ist.

Sonntagmorgen, Wuppertal-Hauptbahnhof: Statt des ICE 557 nach Berlin-Ostbahnhof kommt ohne nähere Erklärung etwas in den Bahnhof gerollt, das als "Ersatzzug" angekündigt wird. Es hat Wagen aus dem Eisenbahnmuseum ohne Nummern und verfügt weder über die reservierten Plätze noch über Strom, Internet oder Lüftung, dafür aber über reichlich Verspätung. Dieser Ersatzzug kommt in Hamm vorläufig zum Erliegen, weil er auf einen Anschlusszug aus Godot warten muss, der nicht eintrifft. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, dass bei der Bahn grundsätzlich der Zug, in dem man gerade sitzt, auf andere warten muss, während die, die man gerne erreichen möchten, auf keinen Fall warten?
Während ich über dieses seltsame Schienenverkehrs-Paradoxon nachdenke, materialisiert sich aus dem Nichts dann doch noch eine Schaffnerin in unserem Waggon, die mich über die Problemlage aufklärt. In Dortmund sei ein Zug im Betriebsbahnhof entgleist, der den Weg für die ICEs versperrt. Wir fahren zwar gar nicht über Dortmund, aber sie lässt mich wissen: "Wir sind froh, dass wir überhaupt rollen." Offensichtlich nicht schnell genug, weil sie mir verspricht, dass ich in Hannover den Anschlusszug bestimmt verpasse, weil der nicht auf uns warten kann. Siehe oben.

In Hannover bekomme ich in der Tat statt des Zuges nach Magdeburg ein Fahrgastrechteformular, mit dem ich Geld zurückfordern kann, weil meine Verspätung jetzt schon über eine Stunde beträgt. Als ich endlich weiterfahren darf, werde von einer sächsischen Schaffnerin mit Damenbart und Haaren auf den Zähnen darauf hingewiesen, dass meine Fahrkarte eigentlich Zugbindung vorsieht. Ich erkläre mich als Verspätungsopfer und werde überraschenderweise nicht verhaftet, bekomme von ihr im Rahmen der Charmedefensive der Bahn aber statt einer Entschuldigung wenigstens noch einen schalen Witz eingeschenkt: "Wollen Sie damit etwa sagen, dass es bei der Deutschen Bahn Verspätungen gibt…"

Da denkt man so bei sich: Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine richtig schöne Klatsche mit zwölf Toren oder so, um den Tag perfekt zu machen. Das hat dann immerhin pünktlich funktioniert.